Von Heribert Adam

Wer meint, daß die weißen Südafrikaner mit Starrsinn und dem kolonialen Sendungsbewußtsein eines primitiven Calvinismus ihrem unvermeidlichen Untergang entgegentrotzen, der wird jetzt eines Besseren belehrt. In Wirklichkeit haben die meisten Südafrikaner große Zukunftsangst. Zwei Drittel in beiden Sprachgruppen befürchten schwarze Aufstände und einen Rückgang des Lebensstandards für ihre Kinder. Zwar deklamieren über 80 Prozent der Buren Kampfbereitschaft; die Bessergebildeten, vor allem die jüngeren Wehrpflichtigen unter den Englischsprachigen, votieren in ihrer Mehrheit jedoch für Kompromißbereitschaft. Von einer monolithischen Belagerungsmentalität und einem "Trotzkomplex" läßt sich also kaum sprechen. Im Gegenteil hat der Druck von außen die Polarisierung selbst im innersten burischen Machtzirkel beschleunigt und eher pragmatische Anpassung als Intransigenz bewirkt.

Solch empirisch abgesicherte Befunde liest man zum erstenmal in einer deutschen Untersuchung:

Theodor Hanf, Heribert Weiland, Gerda Theodor "Südafrika: Friedlicher Wandel? Möglichkeiten demokratischer Konfliktregelung"; Verlag Christian Kaiser, München 1978, 489 S., 42,– DM.

Selbst in der umfangreichen angelsächsischen Literatur, die hier kenntnisreich verarbeitet wurde, muß man lange suchen, um eine ähnlich differenzierte Strukturbeschreibung des internen Südafrikaproblems zu finden. Die methodisch wie theoretisch brillant konzipierte Analyse der Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung und des Freiburger Bergsträsser Instituts ist deshalb so wichtig, weil sie nicht nur eine Momentaufnahme erlaubt, sondern durch drei Befragungswiederholungen zwischen Juni 1974 und Juli 1977 den Einfluß der Soweto-Unruhen und des Angola-Einfluß auf die Einstellung der Befragten abschätzen läßt.

Vieles über Südafrika, was bisher nur intuitiv behauptet oder impressionistisch geleugnet wurde, kann jetzt empirisch belegt werden. Die Resultate basieren auf Befragungen von 205 weißen und 67 schwarzen Mitgliedern politischer Führungsgruppen und auf Umfragen unter einem repräsentativen Querschnitt weißer Wähler (1800) und städtischer Schwarzer (1020) in Soweto, Pretoria und Durban.

Wichtigstes Ergebnis: Die weißen Wähler sind oft aufgeschlossener, als die Politiker glauben oder zu glauben vorgeben. Da sowohl reaktionäre wie progressive burische Politiker ihre Stellung der Einheit der Nationalen (Volkstums-)Partei verdanken, kann keine Seite diese Einheit aufkündigen, sondern immer nur unter gegenseitigem Vetovorbehalt agieren. Generell ist die Wandlungsbereitschaft groß, sofern nur die künftige Kontrollmöglichkeit gesichert ist. Konzessionsbereitschaft äußert sich stärker im wirtschaftlichen Bereich als in Fragen der politischen Machtverteilung oder der Sozialbeziehungen.