Von Rudolf Herlt

Nach zweijähriger Preisruhe droht Anfang 1979 eine neue Erhöhung des Rohölpreises – die vierte innerhalb von fünf Jahren. Es wird vermutet, daß der Ministerrat der Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) auf seiner Dezember-Sitzung in Abu Dhabi eine fünf- bis siebenprozentige Erhöhung beschließen wird.

Schon heute ist der Rohölpreis rund sechsmal so hoch wie im Oktober 1973. Eine solch exorbitante Preissteigerung hat die OPEC nur dank ihrer energiepolitischen Schlüsselposition durchsetzen können. Über fünfzig Prozent der Welterdölproduktion und zwischen 80 und 90 Prozent der Welterdölausfuhr werden von den dreizehn in der OPEC zusammengeschlossenen Ländern bestritten. Zwei Drittel aller bekannten Ölreserven und ein Drittel aller Erdgasvorräte liegen in ihren Grenzen.

Öl läßt sich kurzfristig durch nichts ersetzen. Die Weltwirtschaft mußte darum das Diktat des Kartells der Ölproduzenten akzeptieren und die drastische Preiserhöhung im Herbst 1973 hinnehmen. Nur fünf Jahre also sind vergangen, seit die Prognostiker die vermutlichen Folgen des Ölpreisschocks in den dunkelsten Farben an die Wand malten. Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte ausgerechnet, daß die OPEC-Länder schon bis 1980 bis zu 650 Milliarden Dollar ansammeln würden. Die Weltbank hatte bis 1985 gar 1200 Milliarden Dollar Überschüsse vorhergesagt,

In der deutschen Presse wurden damals Überlegungen angestellt, daß die OPEC-Länder bald in der Lage sein würden, das gesamte Aktienkapital aller deutschen Aktiengesellschaften an der Börse aufzukaufen. Bankiers dachten darüber nach, wie unerwünschte Auslandsgelder abgewehrt werden könnten. Eine Genehmigungspflicht für ausländische Kapitalbeteiligungen schien kein abwegiger Gedanke zu sein. Publikumsgesellschaften sollten durch ihre Hauptversammlungen eine Stimmrechtsbeschränkung beschließen lassen, damit die Beherrschung durch Ausländer ausgeschlossen werde.

Kein Wort gegen solche Vorsichtsmaßregeln. Sie waren Teil der Reaktion auf einen Vorgang ohne Vorbild, Die Erinnerung daran zeigt aber, daß nur fünf Jahre für den Beweis genügten, daß auch die OPEC-Bäume nicht in den Himmel wachsen. In diesem Jahr wird der gesamte Überschuß aller OPEC-Länder im Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr mit dem Ausland fünfzehn Milliarden Dollar ausmachen. Ein Vergleich mit dem Überschuß Japans von achtzehn Milliarden Dollar rückt die OPEC in die richtige Perspektive. Heute sieht Hans-Otto Thierbach, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, anders als sein Kollege Franz Heinrich Ulrich vor fünf Jahren, keine Überfremdungsgefahr mehr durch Petrodollars. Und was ist vom befürchteten Aufkauf der deutschen Industrie wirklich übriggeblieben? Die Regierung von Kuwait hat von der Familie Quandt eine 14prozentige Beteiligung an Daimler-Benz erworben, und Persien hat sich bei Krupp und Babcock eingekauft.

Die OPEC-Länder haben ihre gewaltig steigenden Deviseneinnahmen anders verwendet. Vor fünf Jahren behaupteten die meisten Beobachter, daß die volkreichen Ölländer Iran, Algerien, Nigeria, Indonesien und Irak die anschwellende Petrodollarflut zur Bezahlung rasch steigender Einfuhren, verwenden würden. Dieses Ventil, so folgerten die Auguren damals, hätten aber die großen Ölländer mit kleiner Bevölkerung wie Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Libyen und die Vereinigten Arabischen Emirate nicht. Sie würden ein Riesengeldvermögen aufhäufen, das überall in der Welt Anlage suchen werde.