Heute weiß jedes Kind, daß es sich nicht um eine Kette von Fischgaststätten handelt, wenn es das rot-gelbe Zeichen mit der Muschel am Straßenrand erblickt. Aber an Benzin hat bei der Geburt dieses Markenzeichens noch niemand gedacht. Es begann mit dem Importhandel von Kuriositäten, Antiquitäten und Ziermuscheln, die-Mitte des vergangenen Jahrhunderts zur Ausschmückung von Kästchen und Dosen aller Art höchst beliebt waren. Nur die Muschel ist geblieben: als Firmen- und Markenzeichen jenes britisch-niederländischen Unternehmens, das als Royal Dutch/Shell zu den "sieben Schwestern" zählt, die bis heute auf den internationalen Mineralölmärkten eine dominierende Rolle spielen.

Mit Öl freilich hatte Markus Samuel, der 1830 im Londoner Eastend mit seinem Fernosthandel begann, auch bald zu tun. Denn seit Mitte des Jahrhunderts gab. es Lampen, die Mineralöl verbrannten und es schon erlaubten, Brennstoffverbrauch und Leuchtkraft zu regulieren. Die Samuels hatten sich früh in dieses Geschäft eingeschaltet und in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Fernost eine eigene Rohölproduktion und Raffinerie errichtet. 1892 passierte der erste Samuel-Tanker, der nach einer Muschelart benannte Fünftausendtonner "Murex" als erstes Schiff seiner Art den 1869 eröffneten Suezkanal.

Ein wichtiger Konkurrent war die 1890 gegründete niederländische Kapitalgesellschaft "Namlooze Vennotschap Kominklijke Nederlandsche Maatschappij tot Exploitatie van Petroleumbronnen in Nederlandsch Indie", in Börsenkreisen schlicht "Royal Dutch" geheißen. Ein weiterer, längst etablierter Samuel-Konkurrent war die Standard Oil eines Amerikaners namens John D. Rockefeller, dessen Konzern sich heute Exxon, in Deutschland aber weiterhin Esso nennt.

Schon damals gab es einen Weltmarkt für Mineralöl, das zunächst überwiegend in Lampen Mineralöl, wurde. Vor allem in Asien war die Verpackung das wichtigste Mittel im Wettbewerb. Nachdem die Ölkäufer zunächst ihre eigenen Behälter mitbringen mußten, füllte Standard Oil ihr Öl als erste in Blechkanister – ein hochbegehrtes Behältnis in schwach industrialisierten Ländern.

Samuel & Co konterte. Statt Öl in Kanister auf See- und Landwegen zu versenden, füllten sie das Öl jeweils vor Ort in Kanister ab. Sie waren daher unbeschädigt und ansehnlich. Diese Kanister wurden bereits mit dem Zeichen der Muschel, die damals um die Jahrhundertwende noch eine Miesmuschel war, gekennzeichnet. 1897 wurde von Samuel für das Ölgeschäft die Shell Transport & Trading Company Limited gegründet.

Der harte Wettbewerb führte dazu, daß Shell und Royal Dutch 1903 enger zusammenrückten. Zunächst wurde eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gegründet. Seit 1907 werden auch Produktion und Transport zusammen betrieben – unter dem Zeichen der Muschel, die seit 1904 eine Kammuschel ist. An den Gesellschaften der Royal Dutch/Shell-Gruppen sind die Engländer zu vierzig, die Holländer zu sechzig Prozent beteiligt. Die beiden Muttergesellschaften betreiben das Ölgeschäft nicht mehr direkt, sondern halten Beteiligungen an Holdinggesellschaften, die ihrerseits heute rund fünfhundert Firmen direkt oder indirekt kontrollieren. Unter dem Zeichen der Muschel ist die Royal Dutch/Shell-Gruppe heute nach Exxon der zweitgrößte Mineralölkonzern der Welt. Unter der gelb-roten Flagge mit dem Schalentier befahren rund 280 Öltanker mit einer Gesamttonnage von 32,3 Millionen Tonnen die Weltmeere.

Seit 1902, als die Royal Dutch eine Beteiligung an der Düsseldorfer "Benzinwerke Rhenania GmbH" erwarb, ist die Shell in Deutschland tätig. Heute rangiert sie mit gut 3440 Tankstellen auf Platz zwei nach Aral und stand unter den in der Bundesrepublik tätigen Mineralölkonzernen im vergangenen Jahr mit einem Umsatz von 8,3 Milliarden Mark auf Platz zwei hinter Esso.

Die Farben Rot und Gelb sind seit der Jahrhundertwende, als die erste gemeinsame Tochter ihr Benzin aus Niederländisch-Indien in roten Kanistern mit gelber Muschel und unter dem Namen "Shell Spirit" verkaufte, unverändert die Farben des Weltkonzerns geblieben. Die Muschel dagegen hat sich seit 1904 mehrmals dem Zeitgeschmack anpassen müssen. Sie wurde zunehmend stilisiert. In ihrer heutigen Form prangt sie erst seit 1972 über allem, was der multinationale Konzern tut oder verkauft. Gunhild Freese