Von Werner Burkhardt

Unauffällig, beinahe kleinlaut, fängt der Abend an. Die Begleit-Truppe – ein gutes halbes Dutzend Rock-Instrumentalisten, dazu ein paar Bläser im Bühnenhintergrund – beginnt in gemächlichem Tempo. Nichts Besonderes passiert da. Ein Klima wird etabliert; es verdichtet sich, als Trommeln und Congas einander immer farbigere Kreuzrhythmen zuspielen, und lenkt so fast unmerklich – erst später wird einem das so richtig klar – die Sinne auf Elementares, auf Dschungel und Urwald.

Und dann kommt sie: Bette Mittler, diese amerikanische Total-Entertainerin mit der Aura, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ende vergangener Woche hatte sie ihre kleine Tournee durch Deutschland in Hamburg begönnert. Fast drei Stunden lang war die nur ein Meter zweiundfünfzig große Person auf der Bühne, sang Lieder aus alter und neuer Zeit, riß Zoten, über die sie selber wiehernd lachte, sie tanzte, wirbelte herum, sie war nicht umzubringen.

Dabei ist das, was wie ein Naturereignis wirkt, das Ergebnis einer sehr bewußten, sozusagen historisch kritischen Selbststilisierung. Frau Midler, 1945 in Pearl Harbor, Hawaii, geboren, in den ärmlichsten Straßen New Yorks groß geworden, wußte schon sehr früh, was sie wollte. Sie hat schon als Schulkind nie daran gezweifelt, daß das Show-Business ihre Chance und ihr Glück, ihre einzige Heimat sein würde. Der Wille allein, reicht natürlich nicht. Sogar Talent zu haben, ist noch nicht genug in einem Land, das von Talenten überschwemmt ist. Man muß sich schon etwas einfallen lassen, wenn man nach oben will.

Und da hat sich denn Bette Midler eine Bühnenpersönlichkeit zurechtgebastelt, die genial vor allem aus drei Zutaten gemischt ist: Sie verschmilzt die Vaudeville-Tradition der unverblümt eindeutigen Witze aus den zwanziger Jahren mit der stilisierten Vamp-Allüre einer Hollywood-Diva der dreißiger Jahre und beides dann noch mit der anarchischen Rotzigkeit unserer Rock-Ladys von heute. Wer dieses Rezept gefunden hat, braucht nicht mehr länger nach seiner Identität zu suchen. Eine Kultfigur für Kenner ist Bette Midler schon Anfang der siebziger Jahre gewesen. Doch die dicken, die nach ganz oben tragenden Schlagzeilen verschaffte sie sich durch einen instinktsicher plazierten Skandal: Sie sang eine Saison lang in einer New Yorker Homosexuellen-Sauna.

Und "The Pöööseldorf Crowd" begrüßte sie dann auch in Hamburg gleich zu Beginn des Abends mit besonderer Herzlichkeit. Da saß alles, was in der Hansestadt schick ist, im kostspieligen Monteuranzug, in der zierlich proletarischen Latzhose im Saal und mußte sich von der Künstlerin die Charakterisierung gefallen lassen: "Vogue outside and vague inside." Wer so etwas nicht mitkriegte, war schon ein wenig verloren in dieser Veranstaltung. Denn das war kein Abend, um genüßlich schöne Melodien zu schlürfen oder entspannt mit den Fingern zu schnippen; hier mußte man hellwach sein, sonst zischten die schnellen Pfeile dieses Witzes unbemerkt an einem vorüber.

Etwas enges Schwarz-weiß-Gepunktetes hat sie an, wenn sie in der ersten Hälfte auftritt, mit einer roten Rose am roten-, Gürtel und mit einem Dekolleté, das zugleich erotische Verheißung und Markenzeichen ist. Zunächst einmal: diese Person ist prima vorbereitet und läßt Lokales vom Stapel, macht kleine Scherze über die Reeperbahn, über die Rivalität zwischen den Hansestädten Hamburg und Bremen. Schon ist sie mitten in ihrem Programm.