München, im Oktober

Mit ihrem lauwarmen Wahlergebnis haben es die Hessen womöglich noch fertiggebracht, den Bayern am kommenden Sonntag eine milde Trotzreaktion abzukitzeln: "Jetzt zeigen wir den Nordlichtern, wie man richtig wählt." Auf diese Antwort der 7,4 Millionen wahlberechtigten Bayern spekuliert jedenfalls Hans Klein, der CSU-Bundestagsabgeordnete für München-Mitte. Da er nicht nur ein gelernter Journalist, sondern auch ein erstklassiges PR-Talent ist, bleibt unsicher, ob ihm diese Arabeske nicht nur eingefallen ist, um Lust auf ein Ereignis zu machen, daß außer Franz Josef Strauß kaum noch jemand für eines hält.

"Die Ausgangslage ist demoralisierend", konstatiert der Münchner Politologe Michael Zöller. Mit einem Stimmenanteil von 62,1 Prozent bei den Landtagswahlen 1974 ist die CSU jenseits von Gut und Böse. Dagobert Lindlau – ein geborener Bayer, kein gelernter – interpretierte dieses Ergebnis seinerzeit traurig "als Verlust des Widerstandes, der in Bayern einmal zum Volkscharakter gehört hat".

Die SPD (1974: 30,2 Prozent), deren Mandatsträger sich den Wählern vorzugsweise mit den kleinlauten Worten vorzustellen pflegten: "Auch wenn wir in Bayern wenig Chancen haben ...", hat sich den Brotkorb halb aus Mutlosigkeit, halb aus Taktik diesmal so niedrig gehängt, daß am Sonntag jedes zusätzlich gewonnene Prozent als wahres Wunder erscheinen müßte.

Auch die "Grünen" bewegten nicht viel: Gegen die Konkurrenz der in Bayern traditionell starken Lobby der Naturschützer, die mittlerweile auch die Landwirte für ihre Gedanken aufgeschlossen und gewonnen haben, konnten sie wenig ausrichten. Angst machten sie nur der FDP (1974: 5,2 Prozent). Die Rückkehr der Liberalen ins Maximilianeum blieb das einzige Fragezeichen für diejenigen, die die Pflege der berühmten liberalitas bavarica nicht allein der CSU überlassen möchten. Im übrigen aber konnte niemand glaubhaft machen, daß es bei dieser bayerischen Landtagswahl um wesentliche politische Probleme geht. Weder wird um einen Regierungswechsel gekämpft noch um die stärkste Partei. Interessant ist nur noch, ob die CSU ein mehr oder weniger glanzvolles Ergebnis erzielen wird als 1974 mit Landesvater Alfons Goppel. Um diese Frage zu entscheiden, reißt sich niemand in Bayern ein Bein aus – außer einem: Franz Josef Strauß.

Er ist 63 Jahre alt und steht seit 33 Jahren "im politischen Kampf", wie er selber es ausdrückt. Frontal nicht zu besiegen, wird vom politischen Gegner jetzt schon sachte versucht, ihn durch Mitleid zu töten und als einen Mann darzustellen, der nur noch "eine Vergangenheit hat, die schon am Horizont versinkt" (Hans-Jochen Vogel). Aber es hilft nichts: In die Jahre gekommen ist Strauß noch keineswegs, auch wenn er derzeit nicht wie ein bayerischer Löwe brüllt, sondern vorsichtig wie ein angegrauter Hauskater durchs Revier zieht. Das ist wohl seine Art, sich dem Publikum als Landesvater vorzustellen und sich in eine Rolle einzuüben, über die er auch heute noch lieber schweigt. "I mag net", beschied er einen englischen Journalisten, der sich ihm näherte, als handele es sich um einen Termin mit Iwan dem Schrecklichen, und erregt darauf bestand, mehr über seine Zukunft als Ministerpräsident von Bayern zu erfahren: "I mag net. In Bayern darf man das."

Eindrucksvoller Fleiß