Berlin

In Berlin gibt es Kritik an der Krankenhausplanung des Senats. Das Klinikum Westend soll seiner neurochirurgischen Abteilung, der größten und effizientesten in Berlin, beraubt werden. Hinter den Kulissen werden allerlei abgekartete Spiele vermutet. Von einer "Virchow-Lobby" ist die Rede, denn Nutznießer der Pläne soll das Weddinger Virchow-Krankenhaus sein, das eine eigene Neurochirurgie erhalten soll. Wie es der Zufall will, hat Berlins Gesundheitssenator Pätzold seine politische Heimat am Wedding, sein Senatsdirektor Naulin war Verwaltungsdirektor am Virchow-Krankenhaus, und der Sprecher der SPD im Gesundheitsausschuß ist dort stellvertretender Verwaltungsdirektor.

Die Gesundheitsverwaltung jedenfalls war es, die darauf gedrungen hat, daß bei der Modernisierung des Westend-Klinikums die Bettenzahl um 180 auf 740 reduziert wird. Das Krankenhaus mit seinen teilweise überalterten Gebäuden, wegen baulicher und hygienischer Mängel immer wieder in den Schlagzeilen, hat schon in den letzten Jahren unter ständigen Baumaßnahmen gelitten. Nun soll bis 1990 weitergebaut werden; eine gründliche und durchgreifende Sanierung aber war dem Senat zu teuer. Die Verringerung der Bettenzahl, die mit diesen Planungen verbunden ist, macht die Schließung einer Abteilung notwendig. Von der Ausmusterung betroffen wird nun die neurochirurgische Abteilung, die wegen ihrer verkehrsgünstigen Lage und ihrer Nähe zur Stadtautobahn einen großen Teil der kopfverletzten Unfallopfer in Berlin versorgt.

Da traf es sich gut, daß dem Virchow-Krankenhaus, wie Eingeweihte wissen wollen, schon vor Jahren eine eigene Neurochirurgie versprochen worden war. Dabei ist Berlin mit neurochirurgischen Stationen schon reichlich versorgt: in den Universitätskliniken Westend und Steglitz, im Neuköllner Krankenhaus und im Gertrauden-Krankenhaus. Eine fünfte Neurochirurgie wäre überflüssig. So soll Westend hergeben, was Virchow versprochen worden war.

Verbesserungen würden damit freilich nicht erreicht. Denn das Virchow-Krankenhaus liegt nicht so verkehrsgünstig wie Westend, die Räume dort sind kleiner, und es ist kein Universitätskrankenhaus. Die neurochirurgische Forschung, die jetzt in Westend betrieben wird – allein in den letzten beiden Jahren kamen von dort 123 wissenschaftliche Veröffentlichungen –, wäre, wie die Betroffenen glauben, im Virchow-Krankenhaus nicht mehr möglich. Das heißt, daß auch ein eingespieltes wissenschaftliches Team auseinanderfällt. Renommierte Wissenschaftler sind für die Westend-Neurochirurgie, deren Schließung in absehbarer Zeit bevorsteht, kaum noch zu gewinnen. Ein Betroffener spricht von einer "bewußten Demontage der Hochschulmedizin aus Prestigegründen

Schon jetzt werden die Abwanderungstendenzen erkennbar. Der Chef der Neurochirurgie in Westend, Professor Wüllenweber, hat einen Ruf an die Universität Bonn angenommen. Als Gründe nennt er unter anderem, daß der bei seiner Berufung 1972 zugesagte Ausbau einer Intensivstation bis heute nicht verwirklicht wurde. Auch die im Berliner Krankenhausgesetz enthaltene Tendenz zur Bürokratisierung hat ihn verprellt: In "ärztlichen Kommissionen" soll die persönliche Verantwortung des Arztes durch Mehrheitsbeschlüsse ersetzt werden.

Gleichwohl, meint Wüllenweber, sind auch nach seinem Weggang noch genügend Fachärzte in Westend tätig. Die Schließung einer gut funktionierenden, organisch ins Klinikum Westend eingepaßten neurochirurgischen Abteilung hält er für eine sachlich nicht zu rechtfertigende Entscheidung. Gegen diese Entscheidung hat auch die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie protestiert und dafür eine Reihe von fachlichen Gründen angeführt. Auch der ärztliche Direktor des Klinikums Westend, Meyer zum Büschenfelde, sieht sich übergangen. Der zuständige Fachbereichsrat der Freien Universität Berlin macht ebenfalls Front gegen diese Pläne.

Im Hause des Wissenschaftssenators wird darauf verwiesen, daß es sich bei den Plänen zur Verlegung der Neurochirurgie um eine Absichtserklärung handele, die mit den beteiligten Universitäts- und Bezirksverwaltungen noch diskutiert werden müsse. Die Ausbaupläne für das Virchow-Krankenhaus beruhten auf einem Bettenbedarfsplan, der offenbar am Bedarf vorbei aufgestellt ist. Wenn Virchow die Neurochirurgie bekäme, dann wäre dort auch Platz für Lehre und Forschung, heißt es beim Senat. Doch scheint noch offen zu sein, ob die "Virchowianer" ihren Wunsch erfüllt bekommen oder ob sich beim Klinikum Westend doch noch genügend Gelände findet, um die dortige renommierte neurochirurgische Abteilung in die Ausbaupläne mit einzubeziehen. Joachim Nawrocki