Von Rolf Michaelis

Wieder ein Buch aus der DDR, das nur im Westen erscheinen darf: Das Tagebuch einer Lebenskrise, in der sich kritische Zustände einer "geschlossenen Gesellschaft" spiegeln. Ein negatives, pessimistisches Buch? Nein. Ein mit den Bürgern der DDR solidarisches Protokoll von ungewöhnlicher Offenheit, voll neuer Einsichten in den Alltag eines sich vor der Welt, der Wirklichkeit, dem Leben – also: unbequemen Wahrheiten vermauernden Staates.

Klaus Poche hat zu viele Leser. In Amtsstuben, in Zensur-Zimmern, in den Hinterstübchen der Literatur-Verhinderer.

Klaus Poche hat zu wenige Leser. Auf dem offenen Markt.

Hat einer die fünfzig erreicht und sitzt auf einer Kiste von Manuskripten, welche die Vormünder der Einheitspartei den Mitbürgern zu lesen verbieten, und quält ihn dann noch der Gedanke, daß die Hälfte seiner rund dreißig Filme nur von den grauen Männern mit den Scheuklappen beäugt wurde, die ihr Njet zur öffentlichen Vorführung sagten, dann gerät er mit dem Blick auf ein totgeschwiegenes Werk und auf die verbleibende Schaffenszeit in "Atemnot" und resigniert oder – schreibt sich frei.

Klaus Poche hat sich freigeschrieben, mit dem Protokoll. einer Lebens-, Ehe-, Arbeitskrise, in der sich die kritischen Zustände der geschlossenen Gesellschaft spiegeln, in der er lebt, der DDR. Das Buch heißt: "Atemnot" (Roman; Walter Verlag, Olten 1978; 204 Seiten, 28,– DM).

"Nicht gedruckt zu werden, zwingt die Schreiber zwischen die Stühle. Die Behauptung, nach zwanzig Jahren, vor zwanzig Jahren schon klüger gewesen zu sein, lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen vor. Die Beweise fehlen. An Propheten, die Vergangenheit vorausgesehen haben wollen, herrscht kein Mangel, aber es besteht wenig Interesse."