Zuruf aus vergangenen Tagen – die Fermes Auberge der Hochvogesen / Von Ilse Jänecke

Erstaunlich gründlich haben die Deutschen in den letzten zehn, zwanzig Jahren das Elsaß entdeckt. Vor allem die Nachbarn aus dem Badischen und aus dem Schwabenland rollen zum Wochenende öfter mal zu ihrem Lieblingsrestaurant jenseits der Grenze, das möglichst auch gleich ein Sternchen im Michelin hat. Und die Wirte mit dem deutschen Namen und dem französischen Paß wissen längst: "Am Weekend ist die Clientèle dütsch."

"Truite aux amandes", "Vogesenforelle in Champagnersauce" oder "Coq au riesling" – das attraktive junge Paar aus dem Nachbarland hat nebenher ellenlangen Speisekarte auch gleich den Kunstführer "Elsaß" griffbereit liegen. Sie kommen wegen der Oktogonkirche von Ottmarsheim und wegen der Vogesenforelle von Ottrott.

Was die Deutschen dabei weitgehend zu entdecken vergessen, sind die Fermes Auberge, die Bergbauerngasthöfe in den Hochvogesen. Wo man ein deftiges Mahl haben kann, ein altmodisch schweres Federbett und manchmal sogar das Wasser noch vom Brunnen holen muß. Wer den Verdacht hegen sollte, diese Gasthöfe seien ein Produkt der Nostalgiewelle, der irrt sich gewaltig. Die Fermes Auberge gibt es schon seit annähernd hundert Jahren. Und so sehen die meisten auch aus. Das Bett ist tatsächlich noch aus Großmutters Tagen, die Dielen knarren, die legendäre Melker-Mahlzeit hat mindestens zweitausend Kalorien, und vertrauenerweckend riecht es nach Käse und Stall, nach Molke und Mist. Der Edelzwicker ist billig und irgendwann, später, wird jemand nach der Ziehharmonika greifen, die an der Wand hängt. Man verständigt sich auf deutsch. Auf elsässerdeutsch.

Die Fermes Auberge – 54 an der Zahl und eine immer noch schöner gelegen als die andere – haben sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, die darüber wacht, daß die Gasthöfe auch Bauernhöfe bleiben. Ihr wahres Problem aber sind die "Oekologistes". Der Bauer auf einer kleinen, abgelegenen Ferme Auberge am "Petit Ballon" führt gegen die Umweltschützer beredte Klage: Wenn er sich Kartoffeln und Wein im geländegängigen Auto heraufbringen ließe (das Sträßchen ist für Fahrzeuge gesperrt und ohnehin so unzulänglich, daß man höchstens Schritt fahren kann), dann drohten die Oekologistes das Fahrzeug in den Abgrund zu werfen. Einmal habe er sich ein Waschbecken herauftransportieren lassen. Da seien sie handgreiflich geworden. "Es bleibt beim Lavabo!" Goldgerändert und mit Rosenaufdruck, rosarot.

Mit dem Hofhund wandern

Die Gäste, die auf den Auberges im Sommer sogar ein paar Wochen Urlaub machen und auf abenteuerlichen Sträßchen hinaufkurven, haben fast ausnahmslos französische Nummernschilder. Der Großteil kommt aus den nahen Ballungsräumen von Colmar und Mühlhausen. Abends, wenn das schwarzgefleckte Vieh zum Melken in den Stall getrieben wird, stehen die Stadtkinder da und staunen. Den Hofhund dürfen sie sogar von der Kette lassen und mitnehmen; auf die Wanderung über die offenen Höhen, die karge Weidelandschaft, die charakteristischen Chaumes.