Von Gunter Hofmann

Bonn, im Oktober

Zu den besorgten Spekulationen Bonner Christdemokraten nach dem Hessen-Debakel gehört auch diese Rechnung: Erreicht Strauß die 70-Prozent-Grenze, führt am Kanzlerkandidaten Strauß im Jahre 1980 kaum ein Weg vorbei. Bliebe er unter 60 Prozent – CDU-Generalsekretär Geißler überraschte den Parteivorstand mit einer 55-Prozent-Prognose von Infratest –, wäre Strauß künftig vielleicht weniger sperrig. Aber was aus der Union, was aus dem Kanzlerkandidaten Kohl wird – das alles hängt vom Verdikt der bayerischen Wahlen ab. Nach der Wahl, orakelte ein Kenner, "bricht der Sturm los".

Allerdings weicht die Ratlosigkeit der CDU in der Wahlnacht bereits den ersten, tastenden Antworten. Auf Experimente mit einer Vierten Partei setzt in der Unionsspitze keiner; soweit herrschte seltene Einmütigkeit im Bundesvorstand nach dem hessischen Trauerfall. Die CDU, forderten fast alle, müsse mehr Profil und Identität zeigen; ihr fehle das Selbstbewußtsein, Konsens bestand auch darüber, daß das sozialliberale Bündnis nicht aufzulockern sei – Helmut Kohl sieht die Koalition in einer "Blockpartei-Mentalität" eingefroren. Ob er damit nicht der Argumentation von Strauß Vorschub leiste, haben ihn verwirrte Vorstandsmitglieder gefragt. Das sei ein Mißverständnis, wehrte Kohl ab; aber die Skepsis bleibt groß, ob er mit dieser Haltung nicht genau das erreicht, was er verhindern will: die Vierte Partei.

Was tun? In der Parteiführung ist die Ansicht verbreitet, in Hessen habe auch die Unsicherheit darüber Stimmen gekostet, "ob die Gemeinsamkeit der Unionsparteien überhaupt noch Bestand haben wird". Ungewiß bleibt, ob sich die Hängepartie zwischen den Unionsparteien über eine bundesweite Ausdehnung der CSU nicht bis zum Frühjahr hinschleppen wird. Einhellig neigt der CDU-Vorstand dazu, einen anderen Weg einzuschlagen: Von allen Seiten wird nun dafür plädiert, die Partei müsse sich künftig diskussionsfreudiger und liberaler präsentieren, müsse jedenfalls Stimmen aus der Mitte gewinnen. Das schließt den Versuch ein, die FDP überflüssig zu machen, wenn auf eine Koalition mit ihr nicht mehr zu setzen sei: "Entweder kommt sie selber, oder es kommen ihre Wähler", lautet eine CDU-Devise.

Eine liberale CDU? Einigen im Vorstand der Partei geht das Wort zu weit, anderen ist es zu grob. Aber es beschreibt eine Tendenz. Konsens herrscht darüber, daß ein schärferes Rechtsprofil und noch heftigere nationalkonservative Töne keine zusätzlichen Stimmen mehr einfangen können. Der Schock der Erkenntnis, daß die Jungwähler von der CDU wieder abwandern, frißt sich ein. Gelegentlich wird argumentiert, mit dem kategorischen "Nein" zur Regierungspolitik sei auch die eigene Anhängerschaft verprellt worden. Die Stichworte dafür lauten: Radikalenerlaß und Wehrdienst. "Wie können wir der jungen Generation sagen, daß wir nicht Streß und Leistungsdenken fördern vollen, sondern Chancengleichheit?" fragt Walter Wallmann. Nachsieht, Geborgenheit, Zukunftsperspektiven – nichts davon habe die Union angeboten, lautet eine selbstkritische Bilanz. Selbst den Wirtschaftsflügel überfällt der Zweifel, er habe vielleicht zu sehr auf eine rigorose Wachstumspolitik gepocht und zu sehr an den Wachstumsskeptikern vorbeigeredet. Philipp von Bismarck in der Rolle des Norbert Blüm? Nein, aber es kommt Bewegung in die Union.

Die Ratsuchenden entdecken, daß sie auf alten Fundamenten aufbauen können. Geht es dabei um eine Wende oder um Mode? Für eine Antwort ist es zu früh. Jedenfalls entdeckt die CDU verwundert, was sie in den vergangenen Jahren alles schon beschlossen hat. Selbst die "Neue soziale Frage" aus dem Grundsatzprogramm ließe sich neu aufpolieren. Arbeitszeitverkürzung? Auch darüber ist nachgedacht worden. Und Sachkompetenz, bestätigen die Demoskopen, wird der Partei ja auf fast allen Gebieten in höherem Maße bescheinigt als der Koalition. All das blieb ungenutzt.