Von Thomas Brasch

Der sächsische Hofrat Clarus, nach dessen Aufzeichnungen Georg Büchner den "Woyzeck" schrieb, gibt die Äußerungen des Mörders über seine Tat wider: "... daß er, als ihm die Woostin begegnet, sich zwar anfänglich gefreut habe, daß aber diese Freude bald vorbei gewesen sey, als er gemerkt, daß sie seine Begleitung nicht gern sehe, aus Furcht, sein Nebenbuhler möchte sie mit ihm gehen sehen, weshalb er auch mehr ihr zum Tort noch mitgegangen sey; endlich: daß ihm die Woostin, als sie miteinander ins Haus getreten, die Worte gesagt habe: Ich weiß gar nicht, was du willst! so geh doch nach Hause! Wenn nun mein Wirt rauskommt. Diese Worte hätten ihn geärgert, und da habe ihn der Gedanke an das Messer und an seinen Vorsatz plötzlich wieder mit aller Macht ergriffen, und ihn mit einem Male dergestalt überwältigt, daß er darauf zugestoßen habe, ohne zu wissen, was er tue."

Büchner verlegt diese Szene in seinem Stück aus der Stadt an den "Waldsaum am Teich". Diese Verlegung ist mehr als das Nachgeben gegenüber einer Theatertradition, die den Tod in der Natur stattfinden läßt, sie ist auch mehr als ein theatertechnischer Kniff. Das Vertauschen des alltäglichen Hausflures mit dem romantischen Teich als Tatort offenbart Büchners Erschrecken vor dem, was er in den Szenen vorher so genau zu sezieren versucht hat. Um in der Sprache des Arztes Büchner zu bleiben: dieser Tausch der Schauplätze ist ein Symptom für das Dilemma des jungen Theaterschriftstellers und hat seine Wirkung bis in die heutige Dramatik, Der kalte Blick des Naturwissenschaftlers, dem die eigene, sinnliche Erfahrung fehlt, und das unschuldige Erschrecken vor der Geschichte, die ihn gleichzeitig empört, machen Büchner zu einem Modellfall für eine junge deutsche Literatur, deren Schwäche und Stärke zugleich in ihrem Betroffensein, ihrer Hast und ihrer präzisen Ungenauigkeit besteht.

In Büchners Stücken ist noch vereint, was in der gegenwärtigen Theaterschriftstellerei oft unglückselig auseinanderfällt: die soziale und die psychologische Analyse. (Heute: Rückzug in die Schädelnerven oder Aufbruch in die Werkhallen.) Ähnlich den Stücken von Lenz und denen des jungen Brecht bezeichnen Büchners Stücke das erschrockene Augenaufreißen ratlos behüteter Kinder mit großer Bildung vor dem hereinbrechenden Materialismus. Der Schock schlägt sich in den Stücken als Atemlosigkeit nieder und macht ihre Qualität gleichzeitig aus, wie sie sie beeinträchtigt. Büchner schrieb von der ersten Zeile auf sein Ende zu, auf das physische oder auf das seiner Existenz als Schriftsteller. (Sein Bruder vermutete, er hätte, wäre er nicht gestorben, eine ausschließlich wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen.) Anders als Goethe (aus dessen "Götz" er ganze Passagen übernahm) verweigerte er den Plan, anders als Shakespeare (von dem er schreibend und abschreibend lernen wollte) entzog er seine Stücke der herkömmlichen theatralischen Brauchbarkeit. (Auch dies ein beispielhafter Fall für das gegenwärtige Theater, das den Beruf des Theaterschriftstellers gern in eine Dienstleistung für Inszenierungen herunterkommen läßt und eine literarische Qualität meist als störend empfindet.) Ohne Rücksicht auf den (ohnehin falschen, weil verdrängenden) Begriff des Gegenwartsdramas suchte er sich seine Stoffe ausschließlich in Vorlagen (Thiers, Brentano, Clarus, Oberlin) und durchsetzte sie mit der eigenen Ungeduld und Diagnosesucht.

Für die heutige Theatersituation müßten eben diese Leistungen wiederentdeckt werden: der kräftige Umgang mit den Vorbildern bis in die Zitate (Kunst lebt auch von Kunst), das Behaupten einer literarischen Qualität des Textes für und gegen eine Aufführung, der poetische Begriff von Gegenwart (die zur Zeit in Wochen berechnet wird; schon ein Stück, das im Jahr 1968 spielt, wäre angeblich "historisch"). Das romantische Bild des frühvollendeten Sensibilisten oder Revolutionärs war zu keiner Zeit richtig und beschreibt nur das deutsche Bedürfnis nach einer solchen Figur.

Anders als der Pfarrer Weidig, mit dem zusammen er sich in der Gesellschaft der Menschenrechte verschworen hatte, ging Büchner vor seiner Verhaftung aus dem Land und wurde Doktor. Anders als der Pfarrer Weidig, stieg ihm der deutsche Gestank aus der Schweizer Entfernung in die Nase – Weidig konnte ihn in Deutschlands Bauch stärker riechen, nachdem er verschluckt war. Er nahm den Strick. "Wie es hier mit den Gefangenen geht, weiß Gott", schrieb Frau Büchner an ihren Sohn in die Emigration, "es ist alles still."