Von Manfred Flügge

Wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingt es, wenn man erzählt, daß vor kaum 10 Jahren Phantasie und Menschlichkeit, Freundlichkeit und Optimismus auf dem Wege zur Macht waren, daß neue Vorstellungen von Politik und Alltagsleben, von Erziehung und Partnerschaft die Gespräche und Liedtexte hierzulande beherrschten.

Dieser Elan ist heute dahin. Die Bilder einer neuen, einer lebensfrohen deutschen Republik sind zerbrochen. Selbst die Erinnerung daran ist schon verpönt. Wie ein Verbrechen muß man seine einstigen Hoffnungen auf ein anderes Leben hier verbergen.

1978 ist dieses Land in den politischen und intellektuellen, kulturellen und menschlichen Dornröschenschlaf zurückverfallen, der sich immer mehr als sein historischer Normalzustand herausstellt. Jeder Tag scheint einem besser zu erklären, warum in den letzten 150 Jahren die Republik hierzulande keine Chance hatte.

Aufklärerische Schriften unterliegen jetzt im Lande von Kant der Kontrolle. Kritische Texte zu besprechen ist für Lehrer ein Berufsrisiko geworden. Die politischen Privatmeinungen von Polizeipräsidenten werden zum Maßstab von Verwaltungsentscheidungen gemacht. Es herrschen so primitive Vorstellungen wie die, daß eine Lektüreliste ein Indiz für politische Illoyalität ist. Wer immer verreist, umzieht, Bücher kauft, trägt sein imaginäres Fahndungsphoto bei sich. Noch vor 1984 wird ein perfektes Erfassungs- und Kontrollsystem (nicht der Regierenden!) errichtet sein. Im Spinnennetz dieser Computerüberwachung sitzen Leute, die ihre Kontrollneurosen zur Grundregel unseres politischen Lebens machen wollen. Die Polizisten tragen jetzt Bärte; aber ahnen sie, welcher tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung es bedurfte, wenigstens diesen Fortschritt zu ermöglichen?

Unsere politische Wirklichkeit ist eine einzige Verwaltungsmaschinerie geworden. Jede Karikatur, jede Polemik findet ihren amtlichen Richter. Wer immer sich öffentlich äußert, ist ein möglicher Fall für die Justiz. Die tagtägliche Eskalation grotesker Urteilsbegründungen zu Berufsverboten kann so gleichgültig wohl nur von einem Volk hingenommen werden, das nie, geahnt hat, was eine freie und lebendige Republik ist und das es auch nicht wissen will. Die preußische Kasernenhofmentalität und die Zweckrationalität des industriellen Wirtschaftssystems sind schon seit Bismarcks Zeiten eine unheilvolle Verbindung eingegangen und haben all die Verhaltensweisen und Wertmaßstäbe hervorgebracht, die aufrechte und freiheitsliebende Deutsche ins Exil, in den Wahn, in den Tod getrieben haben.

Hier gibt es Politiker, die von Beamten Eintreten für die Republik fordern und die zugleich die "Pflichterfüllung" von Hitlers Soldaten loben. Hier sagen Polizisten zu Demonstranten: Sie sollen zuerst einmal den Mund halten. Dieses Erschlagwort kennt man aus seiner deutschen Kinderstube. Hier kann eine Firma für ihr Eis werben mit dem Spruch: Damit die Kinder mal den Mund halten. Diese Gesellschaft will funktionieren, aber nicht leben. Sie ist nur im ökonomischen Sinne dynamisch, aber sie ist keine freie, lebendige, bunte Gesellschaft, so wie sie es 1972 zu werden versprach. Heitere Spiele dauern hier nicht mal einen Sommer. Aber wenn man ein