Von Ute Herzog

Palladio, auch Veronese, wie überhaupt die Künstler der Renaissance und des Manierismus nennt er als geistige Ahnen. Seine leiblichen kommen aus der Oberpfalz. Und das ist auch wichtig. Wahlverwandtschaft zu den Asam-Brüdern, zu dem ersten Lüftlmaler Franz Seraph Zwinck stellt sich ein. Auch Hans Holbein d. J. mit seinen Scheinarchitekturen in Basel und Luzern wird als Vorbild genannt. Nahe liegt aber auch die Beziehung zu Grigorij Aleksandrowitsch Potemkin. Und das wäre ganz im Sinne von Richard Haas, dem amerikanischen Fassadenmaler, der mit viel architektonischem Sachverstand und nicht weniger Witz quer durch die Architekturgeschichte "urbanes Make-up" betreibt.

"Architectural allusion" nennt er es, wenn er mit Phantasie und Präzision an Brandmauern und Fassaden seine architektonischen Erinnerung gen ausspielt, so wie jetzt bei seinem jüngsten und zugleich ersten europäischen Projekt in München. Denn eigentlich wollte er Architekt werden, als er Mitte der fünfziger Jahre zwei Sommer lang bei Frank Lloyd Wright lernte. Heute malt er Bilder von Architektur auf Leerstellen städtischer Architektur. Dazwischen liegt eine Karriere als abstrakter Maler in den frühen sechziger Jahren und später als Druckgraphiker mit nahezu dreißig Einzel- und Gruppenausstellungen. Dazu Lehrtätigkeit in Malerei und Druckgraphik an verschiedenen amerikanischen Universitäten.

"Fake", in der Umgangssprache soviel wie "Schwindel", ist ein Lieblingswort des heute in Soho in New York lebenden zweiundvierzigjährigen Künstlers, und "fake" ist alles, was er macht: In Little Italy New-York-Läden, die geöffnet sind und doch nicht öffnen werden – zur Ergänzung der anliegenden Geschäfte von der "Little Italy Restoration Association" in Auftrag gegeben. In Soho Ecke Greene Street/Prince Street 1975 die erste und "most didactic"-Fassade: Auf der leeren Seitenwand die Frontfassade – aber durchaus mit Eigenleben im Detail – wiederholt. In der Wirkung trompe l’œil, doch primär als Wandbild, als "architectural allusion" ohne Realitätsanspruch gedacht. Richard Haas’ gemalte Architekturen hat man immer irgendwo schon einmal gesehen, könnten immer irgendwo gebaut sein – dazu ist er architektonisch erfahren genug –, aber für ihn sind sie zuallererst Bilder von Architekturen, die er irgendwo gesehen hat, die er für seine Bilder aussucht und umgekehrt. "The given", also die architektonische Gegebenheit eines Gebäudes in seiner Umgebung ist Ausgangspunkt für seine Architekturbilder. Also nicht "Hollywood again", sondern Stadtverschönerung. Man könnte ihn auch einen Maler der Bedingungen nennen, das "wie es wäre, wenn es anders wäre" interessiert ihn. So zum Beispiel bei seinem in diesem Sommer vollendeten Projekt des Con-Edison-Werks vor der Brooklyn-Bridge: durch einen klassizistischen Arkadenbogen der Ausblick auf die Brooklyn-Bridge, wie man ihn hätte, wenn die Wand nicht wäre. Ganz ähnlich in Boston: auf der Rückwand des Architectural Center ein neoklassizistischer Schnitt à la Piranesi durch einen Kuppelbau. Einleuchtend die Idee, auf der Außenseite einer Technischen Hochschule auf deren Funktion zu verweisen, nur – und auch hier liegt der Reiz von Haas’ manchmal auf den ersten Blick konventionell anmutenden Architekturbildern – ist es "the fake cut", weil der Kuppelbau an einem anderen Platz steht.

Gefragt, was ihn in der heutigen Zeit so gern alte Bauformen verwenden läßt, antwortet Haas, daß ihn besonders der Manierismus reize, dieses Gemisch aus "etablierten klassischen Ideen" mit einer bestimmten Art von Ironie und Groteske. Und so mischt er, großzügig im Zusammenwürfeln, aber präzis abgestimmt, Stilepochen und Bauten, wirft Schatten der Vergangenheit auf heutige Architektur oder versetzt ganze Gebäude in andere Architekturzusammenhänge. Beispielsweise ganz folgerichtig das Frauengefängnis von Würzburg an die Ecke Frauen-/Zwingerstraße in München.

Das Münchner Projekt, das dieser Tage nach zweijährigen Vorarbeiten fertig wurde, kam durch die Privatinitiative der Galeristin Margret Biedermann zustande. Sie hatte Haas vor zwei Jahren in New York für München "entdeckt" und seither nach einem geeigneten Objekt in München Ausschau gehalten. Sie fand es in einer zweiteiligen Brandmauer am Altstadtring, die vom Bezirksausschuß bereits als dringend zu beseitigender Münchner "Schandfleck" bezeichnet worden war. Ihren ersten kühneren Plan, nämlich sich des vielumstrittenen Durchbruchs Altstadtring/Maximilianstraße anzunehmen und Haas dort Scheinarchitektur errichten zu lassen, gab die Galeristin wieder auf, da bereits Pläne für den Wiederaufbau der anläßlich des Altstadtringbaus abgebrochenen Bauten an der Maximilianstraße vorlagen (die allerdings bis heute nicht realisiert wurden). Sie fand auch einen privaten Geldgeber für ihr Projekt, dem Haas im Herbst letzten Jahres seine Architekturprospekte zeigte. Auch Stadt und Hauseigentümer waren spontan interessiert. Von Stadtseite war man vermutlich deswegen so aufgeschlossen, weil der seit 1969 unter Hausbesitzern ausgeschriebene Wettbewerb zur Renovierung von Fassaden aus Gründerzeit und Jugendstil von durchschlagendem Erfolg für die Stadtverschönerung ist. Von Haas Brandmauerbemalung auf Kosten eines privaten Financiers (der Deutschen Lloyd-Versicherungen) verspricht man sich jetzt eine ähnliche "Pilotwirkung".

Nach einem Jahr Behördengänge waren alle rechtlichen Voraussetzungen gegeben und auch die Witterungsverhältnisse so, daß Haas im Juli dieses Jahres anreisen konnte und eine Malerkolonne aus Bühnenbildnern und Designern unter seiner Anleitung auf dem inzwischen getrockneten Putz mit der Haus-auf-Haus-Malerei beginnen konnte. Inzwischen sind die Arbeiten abgeschlossen, hat Haas für das Denkmalamt signiert, gab es eine Menge Publicity für die sieben Kunstmaler, die mit Bevölkerungskommentaren Handel trieben, und hat München ein neues "schön und lustig gemahlet" Haus ganz im Stil der Tradition an einem bisher häßlichen