Das Buch ist erst seit kurzem auf dem Markt und leuchtet knallgelb von den Regalen der Buchhandlungen. Aber schon sind Fortsetzungen geschrieben worden: in den Tageszeitungen. Denn die Kette der Umweltunglücke durch gefährliche chemische Stoffe, die

Egmont R. Koch und Fritz Vahrenholt: Seveso ist überall. Die tödlichen Risiken der Chemie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1978. 437 Seiten, 19,80 DM

aufzählen und anprangern, reißt nicht ab, wie etwa die Düngemittelbrände in Bayern zeigen.

Die Autoren, Biologe und Fernsehjournalist der eine, Chemiker im Umweltbundesamt der andere, haben sich vor Ort, in Seveso, kennengelernt. Und im Angesicht des Grauens dieser Katastrophe, bei der zwei Kilogramm Gift einen blühenden Landstrich auf wahrscheinlich Jahrzehnte hinaus unbewohnbar gemacht haben, entstand der Plan zu diesem Buch. Die Öffentlichkeit sollte aufmerksam gemacht werden auf die Gefahren, denen auch bei uns jeder ausgesetzt ist, weil mit Giften im Tonnenmaßstab leichtfertig umgegangen wird.

Wir haben uns doch längst an die ständig wiederkehrenden Meldungen über Chemieunfälle und die Entdeckung immer neuer Krebserreger gewöhnt, so sehr, daß nur noch außergewöhnliche Katastrophen Interesse hervorzurufen vermögen, Und die Umweltschützer haben sich vorwiegend auf die Kernenergie eingeschossen. Trägt man aber, wie es die Autoren getan haben, die Meldungen der letzten Jahre zusammen, so wird unversehens eine Horrorstory daraus, eine Story, in der Leichtsinn, Unwissenheit und kriminelle Verantwortungslosigkeit die Hauptrollen spielen.

Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache: Entstellte Kinder aus Seveso, verkrüppelte, cadmiumvergiftete Menschen aus Japan, sterbende Kühe aus Nordenham, entlaubte Wälder in Vietnam – Opfer des Fortschritts? Die chemische Industrie weist gern auf den wieder blauen Himmel über dem Ruhrgebiet hin. Aber die gefährlichsten Gifte sind unsichtbar, ihre Wirkungen dafür um so deutlicher. Sie finden viele Wege in die Umwelt, zum Teil durch Leichtsinn, aber auch durch kriminelle Handlungen der Verantwortlichen – wenn sie etwa, wie in Japan geschehen, das Gift einfach in den nächsten Fluß leiten. Den Beteuerungen der chemischen Industrie, hierzulande stände die Sicherheit im Vordergrund, stellen die Autoren die Handlungen der Bosse in Seveso und in Japan gegenüber, die vertuschten, verharmlosten, Augenwischerei betrieben, als durch ihre Schuld Menschen und Tiere leiden und sterben mußten.

Das Buch stellt diese Fälle deutlich und schonungslos dar – mit einer sichtbaren Tendenz, aufzurütteln und zu warnen. An einigen Stellen hätte ich den Autoren eine etwas sorgfältigere Recherche gewünscht, damit Meldungen, die ihnen ins Konzept paßten, nicht ganz so kritiklos übernommen worden wären. Und an anderer Stelle sind Gefahren mit einer Gewißheit beschworen worden, die so sicher noch nicht existieren. Dennoch verfallen die Autoren nicht der verbreiteten Gewohnheit, den Fortschritt zu verteufeln. Sie zeigen allerdings seine Risiken auf, und sie beweisen, daß die Sicherheit oft nicht so hoch ist, wie sie sein könnte und sollte.

"Hier sind keine Maschinenstürmer am Werk, keine Romantiker, die das verlorene Paradies suchen. Hier sprechen Fachleute, die sich Sorgen machen", schreibt Erhard Eppler im Vorwort. Das ist dem Buch anzumerken, denn es ist nicht leicht zu lesen. Nicht einen publikumswirksamen "Reißer" zu schreiben, war offenbar die Absicht der Autoren, sondern eine Dokumentation, die als Diskussionsgrundlage dienen kann – angesichts der Brisanz des Themas sicher zu begrüßen. So ist jeder Fall, jede Behauptung mit Quellenangaben und zum Teil mit wörtlichen Zitaten versehen worden. Von den 437 Seiten enthalten mehr als 100 nur Zitate. Leider sind unter die Zitate auch zusätzliche, erläuternde Hinweise gemischt, die eigentlich in den Text oder doch wenigstens in eine Fußnote gehört hätten – Rainer Köthe