ZEIT: Herr Geißler, die CDU ist in Hessen wieder stärkste Partei geworden, bleibt aber von der Macht ausgeschlossen – genau jenes Muster, mit dem Franz Josef Strauß seine Vorstellungen von einer Vierten Partei begründet. Ist diese Vierte Partei jetzt unvermeidlich geworden?

Geißler: Niemand kann im Ernst die Behauptung aufstellen, daß eine Formation CDU plus Vierte Partei in Hessen mehr Stimmen errungen hätte als die CDU allein. Die CDU in Hessen hat gezeigt, daß der Wahlerfolg vor vier Jahren und auch das sehr gute Kommunalwahlergebnis von 1977 kein Zufall sind. In Hessen, dem Stammland der SPD, hat sich in wenigen Jahren ein Erdrutsch vollzogen.

Es gibt noch ein zweites wichtiges Datum: die Landtagswahl in Niedersachsen, wo die CDU mehrheitsfähig geworden ist und jetzt allein die Regierung stellt. Die konsolidierte Umkehrung der Mehrheitsverhältnisse im Stammland der SPD, Hessen, und die Mehrheitsfähigkeit in Niedersachsen ist die gegenüber der Bundestagswahl 1976 verbesserte Basis der CDU für 1980.

ZEIT: Nach der Hessen-Wahl haben freilich auch Spitzenpolitiker der CDU konstatiert, das Dreiparteiensystem habe versagt, der Ablösemechanismus funktioniere nicht mehr.

Geißler: Das derzeitige Koalitionsverhalten der FDP unterscheidet sich fundamental von dem der FDP der fünfziger und sechziger Jahre. Damals war die FDP – wie es einem Dreiparteiensystem gemäß ist – prinzipiell offen gegenüber allen demokratischen Parteien. Ihre Koalitionsaussage lautete: Wir koalieren mit der stärksten Partei. So wurde der Wählerwille optimal in Regierungsfähigkeit umgesetzt. Das ist heute anders. Die FDP koaliert jetzt in der Regel mit der zweitstärksten Partei, also dem Verlierer der Wahl. Dies hat einmal zur Konsequenz, daß die Mehrheiten in den Parlamenten immer knapper und die Regierungen immer gefährdeter werden. Zum anderen müssen Sie die mittel- und langfristigen psychologischen Folgen bei der Partei bedenken, die zwar immer die erste bei den Wahlen wird, aber immer die letzte bei der Regierungsbildung.

ZEIT: Glauben Sie, daß eine am rechten Rand der Union angesiedelte Vierte Partei im Grunde genommen keine Chance hätte?

Geißler: Warum denn gleich den dritten oder vierten theoretisch denkbaren Schritt vor dem ersten tun? Die CDU muß ihr Leistungspotential, um Wähler von FDP und SPD zu gewinnen, voll ausschöpfen. Die CDU muß noch mehr zur Sache argumentieren und weniger zu den Personen.