Neue blutige Unruhen, Streiks und Spekulationen um eine erneute Regierungsumbildung bestimmen auch weiterhin die Lage im Iran.

Die neuen gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, haben auch die unter Kriegsrecht stehenden Städte erfaßt. In Teheran und Maschad formierten sich Schüler und Studenten zu Protestmärschen, obwohl Versammlungen von mehr als drei Menschen verboten sind. Die Polizei ging mit Tränengas und Warnschüssen gegen die Demonstranten vor.

Auch in Shiras haben Studenten einen Umzug durch die Stadt veranstaltet und dabei die Freilassung verhafteter Lehrer gefordert. Auf dem Gelände der Universität von Täbris setzten sich rund 8000 Studenten mit einem Vorlesungsboykott für die sozialen Forderungen von Arbeitern und Bauern ein. In Isfahan riegelten Truppen das von der Sowjetunion gebaute Stahlwerk ab, als über 30 000 Arbeiter und Angestellte mit Lohnforderungen in den Ausstand traten. Mit der Angabe, allein die Nahrungsmittelpreise seien binnen vier Jahren um 146 Prozent gestiegen, begründeten Mitarbeiter des Statistischen Amtes in Teheran ihren Streik.

Wegen einer bereits zugesagten Gehaltserhöhung im öffentlichen Dienst von 12,5 Prozent wird die Regierung Kürzungen im Verteidigungshaushalt und im Kernkraftwerkbau vornehmen müssen. Wieweit deutsche Projekte von dieser Maßnahme betroffen sein werden, läßt sich derzeit noch nicht absehen.

Wegen interner Auseinandersetzungen im Kabinett ist der Gesundheitsminister Nasrollah Mojdehi zurückgetreten. Gerüchte über weitere Ministerrücktritte und eine Regierungsumbildung halten sich in der Hauptstadt trotz gegenteiliger Erklärungen des vor wenigen Wochen mit seinem Amt betrauten Ministerpräsidenten Sharif-Emami. Politische Beobachter in Teheran wollen sogar erfahren haben, daß die Bildung eines Militärkabinetts bereits beschlossen worden sei.

Demgegenüber scheint der 80jährige Ayatollah Khomeini, der von den schiitischen Moslems als der eigentliche Führer des Landes betrachtet wird, eine innenpolitische Schlüsselfigur zu bleiben. Wie der nach 15jährigem Exil im Irak nach Paris gereiste Schiitenführer erklärte, wolle er nach "einigen Tagen des Nachdenkens" seinen Kampf gegen das Regime von Schah Reza Pahlevi wiederaufnehmen und womöglich in den Iran zurückkehren. Die Forderung nach Wiederherstellung der konstitutionellen Verfassung von 1906 wird von dem Geistlichen unverändert erhoben. U. V.