Filmbücher und Bücher über Film

Von Peter Nau

Es gibt Bücher, die inhaltlich mit Film nichts zu tun haben und gerade deswegen die besten Filmbücher sind: Sie sind selbst wie ein Film. Zu ihnen gehört "Ein Grab voll roter Orchideen", von James Hadley Chase, bei dessen Lektüre – ohne daß die Schreibweise des Autors, sein Stil überhaupt wahrnehmbar wird – vor dem geistigen Auge des Lesers prägnante Traumbilder erstellen.

Aber beides ist schön: Geschichten erzählen und – diese Erzählstrukturen durchbrechen. In den Memoiren von Eisenstein "und fand sich berühmt", einer Art von Gedankenfilm, gehen Erlebtes und Gedachtes, die, Gegenwart des Schreibens und die beschriebene Vergangenheit unmittelbar ineinander über.

Daß erst die Dichtung der Wahrheit eines Lebens Ausdruck zu geben vermag, verrät ein anderes Filmbuch, das diesen Namen verdient:

Asta Nielsen: "Die schweigende Muse", aus dem Dänischen von H. Georg Kemlein; Hanser Verlag, München, 1977; 456 S., 38,– DM

Das Buch, eine Übersetzung der dänischen Originalausgabe von 1945/46, mit vielen Photos, weckt, schon in seiner äußeren Gestaltung, den Vergleich mit einem erstklassigen Kino, in dem, makellos projiziert, ein Film läuft über das Leben von Asta Nielsen. So beschreibt sie die Vereinigten Staaten: "Die Hitze in New York war unbeschreiblich. Menschen fielen tot auf der Straße um; die Leichen blieben unter Zeltbahnen an den Häuserwänden liegen, bis die Rettungswagen sie gelegentlich abholten. In den Rinnsteinen lagen tote Pferde unter Decken und stanken in der Sonnenglut, bis sie abends abgeschleppt, auf großen Flößen zum Hafen hinausgefahren und ins Meer versenkt wurden. Die Leute schliefen nachts auf den Dächern, und das Nachtleben der großen Restaurants spielte sich im dreißigsten Stockwerk unter freiem Himmel ab. Trotz der Hitze wurde zwischen den Tischen getanzt. Todernste Amerikaner führten elegante Damen, die zu allem Überfluß in Pelze gehüllt waren, aus denen schöne, aber ausdruckslose Gesichter in grenzenloser Langeweile heraussahen. Alles, was man in dieser Stadt unternahm, machte auf den Fremden den Eindruck, als täte man es, nur um überhaupt etwas zu tun, und der ‚Tag des Lächelns‘, der einige Jahre später in Amerika eingeführt wurde – und der jedenfalls einem Dänen widersinnig vorkommen muß –, erschien jedem, der sich einige Zeit in New York aufgehalten hatte, als eine Lebensnotwendigkeit."