Eingeklemmt zwischen Anden und Beagle-Kanal liegt Ushuaia, die Stadt am Ende der Welt. Der Südpol ist näher als Brasiliens Südgrenze, nur knapp tausend Kilometer sind es bis zum Nordzipfel der Antarktis. 8000 Menschen suchen hier – in der Hauptstadt von Feuerland – ihren Seelenfrieden und gute Geschäfte. Ihre Zahl ist konstant, die Einwohner wechseln. Länger als zwei, drei Jahre halten es die wenigsten aus.

"Nun sind wir eben hier und wissen selbst nicht, wie", sagt Jane, Engländerin aus Birmingham, auf Tramp-Tour in Argentinien hängengeblieben – wegen Roberto. Robertos Vater hat eine Fischkonservenfabrik in Ushuaia. Seine Fischer holen Centollas, die metergroßen Königskrabben aus der See, Feuerlands delikaten Exportartikel.

Jane gibt Englisch-Unterricht an der einzigen Sekundar-Schule im Ort. Das Niveau sei nicht hoch, meint sie. Wer seine Kinder etwas Ordentliches lernen lassen wolle, müsse sie in die nächste größere Stadt schicken, nach Rio Gallegos, 500 Kilometer entfernt, jenseits der Magellan-Straße. In Ushuaia gibt es nur zwei Grundschulen und eine Sekundärschule sowie zwölf Hotels, zwei Bäckereien, sieben Kirchen, einen Friedhof, ein Krankenhaus.

Auch Jane und Roberto werden die Stadt verlassen, sobald die Kinder in die Schule kommen. Aber um Himmels willen nicht nach Buenos Aires. Die Idylle am Ende der Welt, sagen sie, habe sie für die Großstadt ein für allemal verdorben. Und zur Romantik kommt der gute Verdienst. Die Löhne hier sind höher und die Steuern niedriger als im übrigen Argentinien.

Rund tausend der 8000 Einwohner dienen bei der Marine und der Luftwaffe. Grenzstreitigkeiten mit Chile sorgen dafür, daß das Leben in der Etappe nicht eintönig verläuft.

"Eine Strafkolonie ist das hier nicht", sagt Alberto Gomez, Kommandant auf einem aus Deutschland gekauften Kanonenboot. Diese Zeiten sind vorbei, seit 1947 das Gefängnis in eine Marinebasis umgewandelt wurde. An die Sträflingskolonie erinnern nur noch die Kahlschläge bis zur Felsregion der Berge, vermodernde Schwellen im Moor und die kleine Schmalspur-Eisenbahn, die einstmals die Strafgefangenen in die Wälder gefahren hat – heute ein Ausstellungsstück vor der Kaserne.

Wer nicht beim Staat beschäftigt ist, arbeitet – in den Sägemühlen, der Fisch-Industrie, im Hafen, in der Landwirtschaft, oder er hat ein eigenes Geschäft für Import-Artikel. Viele haben zwei Jobs. Seit dem Promotions-Gesetz für Feuerland sind die Importe fünfzig Prozent billiger als im übrigen Land. Autos kauft man mit 35 Prozent Ermäßigung und darf sie nach drei Jahren wieder verkaufen. Ein glänzendes Geschäft. Es gibt Leute, die in Wellblech-Baracken wohnen; aber sie haben drei Autos vor der Tür.