Baden-Baden: "Positionen der Zeichnung in Österreich heute"

Arnulf Rainer hatte keine rechte Lust sich mit Photoüberzeichnungen an der Ausstellung zu beteiligen, absagen wollte er allerdings auch nicht. Und so zeichnete er rasch hintereinander in der Zeit zwischen dem Einnehmen eines Schlafmittels und dem Eintritt der damit erhofften Wirkung eine Reihe von Blättern, auf denen er Kunstverhinderung übte. Das ist ihm nicht richtig gelungen, der "Zyklus für eine dumme Ausstellungsidee" mit dem Titel "Ohne Lust" ist ein durchaus typisches Rainer-Produkt – es ist eben gar nicht so einfach, sich selber zu überwinden. Der versuchte Akt der Verweigerung kehrt sich um in sein Gegenteil: Rainers Blätter geben dem angegriffenen Unternehmen erst Kontur. Sein Anti-Beitrag macht die Entscheidung des Linzer Museumsdirektors Peter Baum, Arbeiten von zwei Schizophrenen in die Auswahl einzubeziehen, erst verständlich. Rainer und nicht nur er, ist fasziniert von der spontanen Kreativität, die in den Zeichnungen der psychotischen Künstler sichtbar wird. Diese Suche nach dem Ursprünglichen, schwankend zwischen artistischen Bemühungen, Unbewußtes zu aktivieren und Versuchen, formale Entsprechung zu der Gestaltungsweise unfreiwilliger Künstler zwischen Wahn und Wirklichkeit zu finden, ist eine zentrale Position der österreichischen Zeichnung. Vielleicht mehr noch: ein besonderes Merkmal. Eine Gegenüberstellung von Walter Pichler etwa und Ernst Fuchs hätte die ganze Breite des Spektrums sichtbar gemacht Letzterer und der Wiener Phantastische Realismus überhaupt fehlen aber bedauerlicherweise in dieser Ausstellung. Das auftrumpfend Dekorative blieb ausgeklammert, dadurch allerdings auch das Panorama unvollständig. (Staatliche Kunsthalle bis zum 29. Oktober, Katalog 13 Mark)

Helmut Schneider

Berlin: "Tendenzen in der jugoslawischen Kunst von heute"

Die erste so umfangreiche Präsentation junger Kunst aus der Sozialistischen Republik Jugoslawien annonciert sich zwar als "Beitrag zum universalen Ideengut unserer Zeit", zugleich aber wollte man doch auch einen wirklichen Einblick in die heutige Kunst-Situation Jugoslawiens bieten, dabei auch die wichtigsten Kunstzentren (Belgrad, Lubljana, Sarajewo, Skopje) vorstellen. Diese Ausstellung, die das Kunstmuseum Belgrad in Kooperation mit dem Dortmunder Museum am Ostwall, der Nürnberger Kunsthalle und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin zusammenstellte, ist natürlich zunächst ein demonstrativer Nachweis, daß in diesem blockfreien Land die bildende Kunst nicht auf die Monokultur eines Sozialistischen Realismus verpflichtet wird; hier herrscht, so wird gezeigt, wie im Westen, der Pluralismus der Stile und so findet man nun alles, die Op-Art und die Kinetik, Neo-Konstruktivismus und Monochromie, Concept Art und auch ein bißchen Pop. Hinzu kommen einzelne Beispiele aus dem Bereich der Skulptur und der Tapisserie. Obwohl auf diese Weise das Déjà-vu-Erlebnis dominiert, bleibt doch zu konstatieren, daß es sich hier um eine äußerst qualitätsvolle Auswahl handelt, wenn auch die jungen Jugoslawen den internationalen Trends als nationale Tendenzen Eigenes nur in höchst homöopathischen Dosen hinzugefügt haben. Aber das würde wohl heute viele Länderpräsentationen betreffen. (Museum Dahlem, Sonderausstellungshalle, bis 5. November, Katalog 10 Mark)

Daghild Bartels

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