Von Horst Bieber

Der Präsident malte eine Katastrophe an die Wand: "Die Bewahrung unserer natürlichen Hilfsquellen und ihre richtige Nutzung bilden das grundlegende Problem, auf dem fast alle anderen Probleme unseres nationalen Lebens gründen ... Wir müssen uns klarmachen, daß die Verwüstung und Zerstörung unserer natürlichen Hilfsquellen, die Entblößung und Erschöpfung des Bodens – anstatt ihn so zu nutzen, daß sein Wert wächst dazu führen werden, in den Tagen unserer Kinder jenen Reichtum zu gefährden, den wir ihnen rechtmäßig übergeben sollten ..."

Die Abgeordneten und Senatoren blickten "etwas befremdet drein", befand ein Zeitungskorrespondent. Jene frühe Warnung wurde am 3. Dezember 1907 in Washington von Theodore Roosevelt in den Wind gesprochen: Allgemeine politische Zweifel am Sinn von technischem Fortschritt und Furcht vor seinen Folgen waren noch unmodern und unbekannt. Jungfräuliche

Natur wurde vielmehr dem Bibelwort entsprechend bearbeitet: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan" (1. Moses 1, 28). Ungehemmte Industrialisierung schien ein ebenso zivilisatorisches wie frommes Werk. Roosevelts Plädoyer für den Schutz der Natur bildete darum jahrzehntelang eine – bald vergessene – Ausnahme.

In den Ballungszentren der westlichen Welt wehte vielmehr die rußige Fahne des technischen Fortschritts immer schwärzer von den Fabrikschornsteinen. Industrielle Standortentscheidungen fielen allenthalben gemäß der Aufwands- und Ertragsrechnungen. Gesellschaftliche Kosten hingegen – Infrastruktur, Straßen, Ver- und Entsorgung, Wohnungen, Krankenhäuser – spielten in jenen Rechnungen keine wesentliche Rolle. Die Konsequenz: Noch heute gehen zum Beispiel im Ruhrgebiet, diesem Denkmal erfolgreicher deutscher Industrialisierung, auf einem 30 mal 30 Kilometer großen Areal rund 30 Prozent aller wesentlichen, umweltbelastenden Schadstoffe der ganzen Nation nieder. Wer hier lebt, lebt seit eh und je durchschnittlich kürzer, schlechter – und krebsanfälliger als seine Mitbürger anderswo.

Industrialisierung und Umweltverschmutzung schienen bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts ein ebenso notwendiges wie schier untrennbares Zwillingspaar der Moderne. Es bedurfte wohl einiger Katastrophen, um erhebliche Zweifel an den Folgekosten des grenzenlosen Wachstums zu wecken: Die erste gut dokumentierte Luft-Verschmutzungs-Episode ereignete sich zwischen dem 1. und 5. Dezember 1930 im Meusetal in Belgien: Dichter Nebel bedeckte die Industrielandschaft, hunderte erkrankten an Atmungsbeschwerden und 63 Menschen starben. Staubpartikel, Schwefeldioxid und schwefelige Säure hatten ihre Lungen und Herzen zu stark belastet. Der belgische Wissenschaftler Firket. prophezeite 1936 eine ähnliche Katastrophe für London: Bei gleichen Wetterkonstellationen müßten die Briten mit ungefähr 3200 Toten rechnen. In Wirklichkeit zählte man im Dezember 1952 – beim verheerendsten Nebelvorkommen, das es wohl jemals in der Welt gab – etwa 4000 Tote, die dem mit Schwefeldioxid gesättigten Londoner Nebel direkt oder indirekt zum Opfer fielen.

Im Ruhrgebiet wurden im Dezember 1962 die Luftverschmutzungsgrade von London 1952 allerdings übertroffen – doch eine Statistik der zweifellos existierenden Opfer dieser deutschen Umweltkatastrophe scheint es nicht zu geben.