Seit Ludwig Erhards – damals als tollkühn empfundenem – Beschluß, die Mark 1961 zum erstenmal gegenüber dem Dollar leicht aufzuwerten, hatte es Tradition: Jedesmal wenn der Wechselkurs der Mark gegenüber wichtigen ausländischen Währungen in die Höhe kletterte, wehte lautes Wehklagen aus dem Unternehmerlager herüber. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten und damit der kurz bevorstehende Niedergang des lebenswichtigen deutschen Exports wurde bei jedem sich bietenden Anlaß in vielstimmigem Chor beklagt.

Doch obwohl in den vergangenen fünf Jahren die Mark in einem Tempo nach oben wegzog, wie es sich in den sechziger Jahren selbst die ärgsten Währungspessimisten nicht hätten vorstellen können, sind die Schreckensrufe immer leiser geworden. Und als in der vergangenen Woche der Preis für einen Dollar an den Devisenbörsen erstmals unter 1,90 Mark fiel, wurde dies in der Öffentlichkeit kaum noch beachtet: Im Westen nichts Neues.

Mancher Unternehmer hat sich inzwischen freilich auch vom Saulus zum Paulus gewandelt. So warnte Hans Göhringer, Chef der Brown Boveri AG, jetzt anläßlich des Deutschen Betriebswirtschafter-Tages gar vor den Gefahren einer europäischen Stabilitätszone mit festgezurrten Währungsparitäten. Er räumte ein, daß die deutsche Industrie mit den flexiblen Wechselkursen besser zurecht komme, als sie ursprünglich angenommen habe.

Wer das Gegenteil behauptet, tut sich schwer, den Beweis für seine Thesen anzutreten. Denn allen Lehrbuchweisheiten zum Trotz klettern die deutschen Exporte scheinbar unbeeindruckt von der zeitweise rasanten Aufwertung der Mark nahezu ununterbrochen in die Höhe (siehe Tabelle).

Zwar war der Kursanstieg gegenüber anderen wichtigen Währungen, nicht so ausgeprägt wie gegenüber dem Dollar. Die Höhenflüge des japanischen Yen und des Schweizer Franken führten sogar zu einer kräftigen Abwertung der Mark. Nimmt man aber die Währungen der 22 wichtigsten deutschen Handelspartner zusammen, so läßt sich den Berechnungen der Deutschen Bundesbank eindeutig entnehmen: So teuer wie heute war die Mark noch nie. Setzt man den Wert der Mark gegenüber diesen Währungen für 1973 mit hundert an, so steht der Index heute bei 151.

Dennoch brachen Deutschlands Exporteure mit Ausnahme von 1975 Jahr für Jahr neue Rekorde und stehen jetzt vor einer neuen Höchstleistung: Wenn nichts Unvorhersehbares geschieht, wird die Bundesrepublik die Vereinigten Staaten noch vor Weihnachten von Platz eins auf der Weltrangliste der Exportnationen verdrängen. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds lag sie mit einem Ausfuhrwert von gut 67 Milliarden Dollar bereits im ersten Halbjahr nur noch ganz knapp hinter den USA; und im bisherigen Verlauf des Jahres sind die deutschen Ausfuhren mit größerer Dynamik gewachsen als die amerikanischen. Während die Vereinigten Staaten 1950 noch einen Anteil am Weltexport von über 18 Prozent und die Bundesrepublik von nur 3,6 Prozent hatten, liefern sich beide Nationen mit je zwölf Prozent zur Zeit ein Rennen Kopf an Kopf.

"Das paßt in kein Gebetbuch", wunderte sich schon 1975 Walter Jenisch vom Hamburger Im- und Exporthaus Continho Caro über die deutsche Ausfuhr, die um so besser zu gedeihen scheint, je teurer die Mark und damit alle deutschen Produkte für Ausländer werden. Wurde lange Zeit angesichts dieser aller Theorie spottenden Entwicklung mit unheilverkündender Stimme geraunt, das dicke Ende werde schon noch kommen, da es immer einige Zeit dauere, bis sich die Warenströme den neuen Wechselkursen anpassen, so kann auch dieses Argument heute nicht mehr so recht überzeugen. Nach fünf Jahren nahezu permanenter Aufwertung wäre eine Reaktion längst überfällig.