Von Petra Kipphoff

Richard Artschwagers Bilder, Skulpturen und Zeichnungen sind mit sich selbst allein, kein Mensch ist an dem Morgen, an dem . ich durch die Ausstellung gehe, zu sehen. Das spricht gegen das Hamburger Publikum, das eben nutzte: Runge rast. Aber irgendwie ist diese Verweigerung ja auch eine Antwort, und sie ist auf eine verkehrte Weise sogar eine sehr angemessene Reaktion, eine Bestätigung: Die Arbeiten von Richard Artschwager, die eine entleerte Welt ausbreiten, kommen erst in leeren Räumen zu vollem Leben.

Da allerdings gewinnen sie, wenn man die Unangemessenheit der eigenen Anwesenheit dann doch ignoriert, nach längerer Betrachtung eine ganz neue, komplizierte Dimension, wird die Leere brüchig und bewegt, entwickelt Leben, Komik sogar. Im Katalog findet man dazu ein kleines Stück Absurd-Dialog aus "Tristram Shandy" (und das ist ein adäquaterer Kommentar als der über den Katalog verstreute Wittgenstein, der nach Walter Benjamin strapazierteste Zeuge der Kunstszene).

Die Skulpturen, Bilder und Zeichnungen von Richard Artschwager (1924 in Washington geboren und bis vor ein paar Tagen Halbjahresgast in Hamburg als Senatsstipendiat) sind nach dem ersten Blick zwar in einen emotionalen, aber durchaus nicht in einen stilistischen Zusammenhang zu bringen. Grau, kühl, leer wirkt das alles. Und ist doch untereinander nicht vergleichbar. Die mit marmoriertem Kunststoff beschichteten Schein-Möbel und die leeren Bilderrahmen, auf denen die Schlieren der Farbfläche ein fiktives Leben entfalten, haben nichts gemein mit den Bildem; die Bilder (eine Art Grisaillemalerei), die ihre anonym realistischen Themen (Hochhaus, Stacheldrahtlandschaft, photomantonmenschen) nur in verschleiertem sich an den Rändern zerstaubendem Grau auf verschleiertem, zersprungenem Weiß anbieten, nichts gemein mit den Zeichnungen; die Zeichnungen, Sequenzen von meist kleinformatigen Umrißzeichnungen, die einer Bastei- oder Zauberanleitung ähnlicher scheinen als einer sogenannten Künstlerzeichnung, haben nichts mit den Plastiken und Bildern zu tun. Aber genau in diesen Zeichnungen liegt der Zusammenhalt, die Erklärung, die Lokalisierung des Ganzen.

In der Serie "Korb, Tisch, Tür, Fenster, Spiegel, Teppich" zum Beispiel werden auf fünfzig Blättern sechs solide Einrichtungsgegenstände so durchdekliniert und in immer wechselnden Konstellationen und Proportionen in die Extreme ihrer Realität hier, ihrer Abstraktion dort gejagt, daß sich dem Betrachter, der dieses Vexierspiel verfolgt, zum Schluß auf höchst angenehme Weise der Kopf dreht. Korb, Tisch, Tür, Fenster, – Spiegel, Teppich sind durchaus nicht Korb, Tisch, Tür, Fenster, Spiegel, Teppich. Diesen doppelten Boden der Dinge freizulegen, ihre sich wandelnde Existenz sichtbar zu machen, ist eigentlich das Privileg der Hyperrealisten und Surrealisten. Richard Artschwager gelingt es mit auf dem ersten Blick ganz realistischen Mitteln, indem er, mit einem Pokerface und frei nach Lawrence Sterne, ein großes, zunächst gar nicht wahrnehmbares Verwirrspiel beginnt und so unter dem Deckmantel der Anonymität Definitionen betreibt (Kunstverein bis zum 22. Oktober, Katalog 11 Mark).