Von Heinz Josef Herbort

Der berühmte "schwarze Kasten". Physiker verstehen darunter ein Aggregat, eine Schaltung, eine Maschine, ein System, in dem etwas passiert, eine Veränderung irgendwelcher Parameter, also Erscheinungsformen wie Farbe oder Volumen, Oberfläche oder Dichte. "Schwarz" heißt der Kasten, weil die Vorgänge verhältnismäßig schwer durchschaubar sind – man weiß nur, daß sie sich abspielen. Die Prozeduren selber sind auch nicht einmal so interessant – wichtig ist nur, daß mit etwas Hineingegebenem, dem "Input", etwas geschieht, so daß es sich von dem Herauskommenden, dem "Output" unterscheidet. Und vielleicht, daß, wenn man an irgendwelchen Knöpfchen dreht oder Schaltern knipst, der Prozeß zu anderen Ergebnissen führt.

Der "schwarze Kasten" kann sogar so aufgebaut werden, daß er als "Regelkreis" funktioniert: Vom Output wird einiges – wie, das ist nicht weiter wichtig – zu einem neuen Input. Diese Form von Rückkoppelung sorgt dafür, daß das System "stabil" bleibt. Ein solcher "schwarzer Kasten" ist beispielsweise der menschliche Blutkreislauf. Irgendwelche Störungen werden "automatisch" behoben. Ein anderer, ganz anderer existiert beispielsweise in der Seefahrt: Für eine optimale Abwicklung einer Reise ist eine Kette von Entscheidungsstationen und -trägern notwendig – Kapitän/Lotse/Steuermann/Rudergänger. Dieser "schwarze Kasten" erhält als Input das Reiseziel, und je nach Standort ändern sich die navigatorischen Details bis zum Anlegen im Hafen. "Kybernetik" heißt die Wissenschaft von den Steuerungs- und Regelungsvorgängen, die unter anderem auch in einem "schwarzen Kasten" vor sich gehen.

Mit einem "schwarzen Kasten" kann man auch Musik machen, "kybernetische Musik". Wie immer die Geräte, Schaltungen, Systeme, Maschinen aussehen mögen, die dabei den "schwarzen Kasten" bilden – "Generatoren", "Frequenzteiler", "Produktmodulatoren", "Flip-Flops", "Hallgeräte" –: wichtig ist, daß hier ein Input zu einem Output verändert wird und daß auf eine "kybernetische" Weise die Vorgänge vom System selber "geregelt" werden – daß allerdings auch von außen zusätzliche Manipulationen möglich sind.

Im August 1977 entstand im "Instituut voor Sonologie" der Utrechter Rijksuniversiteit "Makro", ein Stück kybernetischer Musik. Der Autor, Roland Kayn, hat in Stuttgart und Berlin Komposition, Orgel und Analyse studiert – aber auch bei Max Bense Wissenschaftstheorie, hat Orchesterstücke geschrieben, elektronische Musik fabriziert, die Produktion von "Simultan-Konzerten" in verschiedenen Räumen eines Hauses, etwa der Hamburgischen Staatsoper, geplant und überwacht, und ist heute am Amsterdamer Goethe-Institut fürs Kulturprogramm tätig. "Makro" dauert zweieinviertel Stunden, besteht aus drei Teilen und wurde mit nur geringfügigen Korrekturen zusammenhängend, also nicht als Montage unzähliger kleiner takes hergestellt.

"Makro" ist – neben vielem anderen – eine. Studie über die Entstehung von Klängen. Der "schwarze Kasten" wird mit klanglichem Basis-Material gefüttert, mit Sinustönen oder Tongemischen, auch mit "farbigem Rauschen" (das sind elektronisch erzeugte, sehr eng beieinander liegende Schwingungsbänder in einer spezifischen, eben "farbigen" Höhe). Er verändert dieses Material, wobei der "Regelkreis" bestimmte Mechanismen verursacht – etwa einen Klang stabil hält, auf bestimmte dynamische oder frequenzbedingte Momente reagiert, indem er Änderungen herbeiführt oder kompensiert. Aber auch, indem er sich selber "aufschaukelt", also das Basismaterial addiert, multipliziert, potenziert, den einen Input mit dem anderen moduliert und das Ganze mit einem Seitenteil des Outputs wiederum kybernetisch beeinflußt. Das führt allmählich zu einer "Sättigung", zur Entropie – und damit zum Absterben: nach einer bestimmten Phase ist das System ausgeschöpft, der Klangorganismus verendet, ein neuer Impuls und damit ein neuer Phasenbeginn ist nötig.

Eine der vielleicht typischsten Phasen in "Makro" ereignet sich zwischen 6’20" und 9’28" (Takte gibt es ja nicht in dieser Musik, lediglich Zeitangaben): Zu einem aus der vorhergehenden abgestorbenen Episode hinübergeretteten Klanggemisch wird ein neuer Sinuston hinzugefügt, der aus dem Gemisch eine "Farbe" erhält und seinerseits das Gemisch in den dynamischen Konturen moduliert. Nach der Konsolidierung dieses Elements wird ein um wenige Frequenzen von einander unterschiedenes tiefes Ton-Paar im linken und rechten Stereo-Kanal zu einer Art Pendel-Bewegung animiert, Obertöne werden hinzugefügt – das ergibt ein zweites Element. Als Drittes wird ein helles Gemisch eingebracht, das ziemlich bald das tiefe Ton-Paar moduliert. Schließlich kommen zwei weitere Gemische hinzu, das Ganze schaukelt sich auf, steigt immer schneller in die Höhe, wird noch einmal von einem Düsenmotorgebrumm mit atmosphärischem Rausch-Anteil abgefangen – die Kombination aller Elemente über den Regel-Mechanismus führt zu einer gewaltigen Eskalation, die Steuerung wird immer komplizierter, das Ergebnis immer uniformer, die Regelfunktionen sind schließlich "überfordert" – die Phase tötet sich selber in ihrer Maßlosigkeit. Fünfzehn Sekunden später beginnt mit einer neuen Sinustonkombination die beginnt einer neuen Phase.