Ein Mann hat seine Nase verloren. Nun irrt er durch die Stadt, scheu und wie auf der Flucht vor sich selber. Denn was macht ein Mensch, was macht der Kollegiaten-Assessor Kowaljoff ohne seine Nase – und damit ohne sein Gesicht, ohne seine gesellschaftliche Reputation. So mysteriös; das Vorkommnis, so abenteuerlich der Fortgang: Die Nase findet sich wieder in einem frischgebackenen Brot, das Kowaljoffs Barbier Jakowlewitsch anzuschneiden versucht. Später wird sie, in der Uniform eines Staatsrates, gesehen, wie sie durch den Park schlendert und in ein Warenhaus geht. In einer Kathedrale taucht sie auf und bei der zentralen Postkutschenstation. Daß sie dort einer alten Matrone einen Platz streitig macht, wird ihr zum Verhängnis: Man erschlägt die Verkappte.

Ihr rechtmäßiger Besitzer, der sie schon – welche aberwitzigen Versuche unternimmt man nicht in einer solchen verzweifelten Situation – per Zeitungsannonce hatte suchen wollen, erhält sie zurück, aber nun will sie nicht mehr im Gesicht haften. Doch so unversehens das Verhängnis hereingebrochen war, so plötzlich ist der Schaden auch wieder behoben: eines Morgens wacht Kowaljoff auf, das flüchtige Riechorgan sitzt wieder an seinem richtigen Fleck, und Kowaljoff darf getrost wieder mit der Tochter der dicken Podtotschina flirten.

Eine Groteske, eine romantische Vorausahnung einer fast hundert Jahre später entdeckten Freudschen Symbolhaftigkeit mit obszöner Doppeldeutigkeit? Oder eine dramatisierte Untersuchung zum Problem der Bewußtseinsspaltung? Etwa eine politisch gemeinte Anspielung auf die Reglementierungen durch die zaristische Obrigkeit, die nichts anderes gedruckt sehen will als "saubere Literatur"? Vielleicht sogar ein Affront gegen das ständisch orientierte Petersburg, in dem – sich eine Nase unter die obersten Hierarchen drängt?

Gründe genug jedenfalls, schon 1836 die Novelle Nikolai Gogols abzulehnen, nicht zu drucken. Gründe genug vor allem, 1930 Dmitri Schostakowitschs Oper auf dieser Vorlage abzulehnen, sie zwar in Probeaufführungen zu testen, zu diskutieren, mit den neuen Proletarier-Organisationen wie mit den Parteifunktionären, sie uraufführen zu lassen, sie aber dann zu verdammen, total aus dem Verkehr zu ziehen, Autodafé des Autors eingeschlossen.

Denn Schostakowitsch hatte, über Gogol hinausgehend und bei Mahler und Berg, Strawinsky, Krenek und Milhaud anknüpfend, kompositorische Mittel und Materialien verwandt, die in den Augen der für Maßstäbe zuständigen Ideologen "dekadent" waren, "westlich" und "formalistisch", "atonal linearisch" und "grob naturalistisch". Ironie muß unbeholfene und uniformierte, vor allem argumentationsunfähige und mit künstlerischer Unfähigkeit geschlagene Polit-Funktionäre offenbar immer wieder aus der Fassung bringen, selbst in der Musik.

Nach zwei Versuchen im Westen (Düsseldorf 1963, Frankfurt 1966) durfte Ost-Berlin 1969 das bis dahin total verpönte Werk spielen, und die Meinungstrompeter vom "Neuen Deutschland" entdeckten plötzlich bei Gogol, daß er "schonungslos Spießbürgertum, Korruption und Bürokratie" anprangere – allerdings die Mißstände "seiner Zeit" vor dem "historischen Hintergrund einer gewalttätigen, reaktionären Zarenautokratie und bäuerlichen Leibeigenschaft". Sie entdeckten weiter bei Schostakowitsch "große kompositorische Einfallskraft", "Witz und satirische Haltung" und vor allem "humanistische Absicht".

Was gewissermaßen in der sozialistischen Provinz auf seine neue Tauglichkeit geprüft und für leicht genug befunden wurde, durfte auch ins Mutterland. 1972 hatte sich in Moskau die "Kammeroper" gegründet. Boris Pokrowskij, Chefregisseur des Bolshoi-Theaters, hatte, nach den Idealen und Vorbildern Stnislawskijs ein Ensemble zusammengestellt: mit jungen Absolventen der Konservatorien, vor allem aber auch mit Schauspielschülern des Instituts für Theaterkunst. Das Ziel der Arbeit sieht Pokrowskij in der "Erarbeitung eines zeitgerechten Aufführungsstils der Werke zeitgenössischer sowjetischer Komponisten", der "Heranbildung eines neuen Interpretentyps aus einer Synthese von Schauspieler und Sänger", schließlich in der "Förderung der Gattung Kammeroper".