Die Sowjetfrauen rebellieren gegen die Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt

Von Marianne Butenschön

Den Kampf um die Gleichberechtigung haben heute die Frauen in aller Welt auf ihre Fahne geschrieben. Den größten Erfolg – zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes – haben sie bisher in der Sowjetunion errungen. Die neue sowjetische Verfassung, die am 7. Oktober gerade ein Jahr alt geworden ist, dürfte die frauenfreundlichste der Welt sein.

Im Artikel 35 werden nämlich den Sowjetfrauen nicht nur die gleichen Rechte wie dem Mann garantiert, er enthält vielmehr auch konkrete Aussagen darüber, wie der Staat den Frauen die Verwirklichung dieser Rechte sichert; durch die gleichen Möglichkeiten "bei der Bildung und der Berufsbildung, bei der Arbeit, Entlohnung und Berufsförderung, in der gesellschaftspolitischen und kulturellen Tätigkeit sowie durch spezielle Maßnahmen zum Schutz der Arbeit und der Gesundheit der Frauen..."

Ferner schafft der Sowjetstaat Bedingungen, "die es den Frauen ermöglichen, Arbeit und Mutterschaft miteinander zu verbinden". Und schließlich ist sogar eine "allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen mit minderjährigen Kindern" zum Verfassungsauftrag erhoben worden.

In Artikel 122 der alten Verfassung aus dem Jahre 1936 wurde der Frau auch schon das gleiche Recht auf Arbeit, Entlohnung, Sozialversicherung und Bildung wie dem Mann garantiert. Zusätzlich sind jetzt die "gleichen Möglichkeiten" bei der Berufsbildung und Berufsförderung, die Formel von der Verbindung zwischen Arbeit und Mutterschaft sowie die geplante Arbeitszeitverkürzung für Mütter von der Verfassung garantiert.

Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich diese Grundsätze nur zum Teil auf die von den Klassikern des Marxismus formulierte These zurückführen lassen, daß die Ursache für die Unterdrückung der Frau ihr Ausschluß aus der gesellschaftlichen Produktion sei. Die "erste Vorbedingung" für ihre Befreiung sah Engels daher in der "Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie". Das setzt allerdings voraus, daß die typischen Aufgaben der Frau in der Familie – Haushaltsführung und Kindererziehung – der Gesellschaft übertragen werden.