Bilder-Magie"nannte Henry R. Luce, der erste Chefredakteur von Life, die Faszination mit dem neuen Medium, als es 1936 auf den Markt kam. "Das Leben sehen, die Welt sehen, Zeuge großer Ereignisse sein ... Sehen und überrascht sein, sehen und sich freuen, sehen und belehrt werden."

Wieder gibt es eine neue Zeitschrift mit Namen Life, oder soll man sagen: die alte bekannte, die nach sechsjähriger, von den Finanzexperten des Verlags verordneten Zwangspause in neuem Gewand erscheint, und wieder stecken sich die Herausgeber hehre Ziele: "Überraschen, lehren, entzücken, anrühren" wollen sie mit dem "Picture Magazine", aber sie konzedieren, daß inzwischen auch die Erwartungen des Publikums gestiegen sind. Ein Volk von Fernsehzuschauern, an tägliche Sofortbilder über Satellit aus allen Teilen der Welt gewöhnt, ist nur noch schwer in Erstaunen zu versetzen.

Es war anders in jenen großen Tagen des Photojournalismus, den Life beileibe nicht erfunden, sondern – zusammen mit einigen seiner hervorragenden Vertreter wie Alfred Eisenstaedt – aus Europa importiert hatte. Die Amerikaner bemächtigten sich der neuen Disziplin dann allerdings auch konsequent. Sie entschieden sich, unter anderem, für große und rechtechige Formate, wo die Europäer noch Medaillonformen pflegten. Und Life brachte Bilder, die vorher kein anderer gedruckt hatte – eine Geburt, Tod im Spanischen Bürgerkrieg, Hinrichtung in Vietnam.

Nach dem Ableben von Life 1972 gab es keine Illustrierte mehr, die Paris Match, Stern oder Epoca vergleichbar gewesen wäre.

"Nirgendwo", sagt John Loengard, Chef der Bildredaktion im 33. Stock des Time-Life- Gebäudes, "kann man heute gute Photos sehen, die einen aktuellen Bezug haben." Mit der neuen Life soll dem abgeholfen werden. Loengard: "Wir wollen Geschichten in Bildern erzählen, nicht in Worten mit ein paar eingestreuten Photos." In der Tat sind die Wortbeiträge, abgesehen von einem Vorabdruck des neuen Buches von Mario Puzo, "Fools Die", auf ein Minimum reduziert. Sie sind nur noch Einleitung,

Überleitung oder verlängerte Bildunterschrift. Photographie nicht als Illustration, sondern als exklusives Ausdrucksmittel, das keiner anderen Kunst bedarf. Wenn man sich darauf einläßt, sind dann nicht doch die laufenden Bilder attraktiver? Schließlich wurde das Fernsehen damals als eine wesentliche Todesursache von Life genannt.

Peter Bunnell, Professor an der Universität in Princeton und einer von zwei Lehrstuhlinhabern für Photographie als Disziplin an einer kunsthistorischen Fakultät in den USA, ist anderer Ansicht. "Gerade wegen dieses ständigen Fernseh-Bombardements besteht heute ein Bedürfnis nach dem eher kontemplativen Betrachten von Bildern. Die Menschen suchen wieder nach dauerhafteren Abbildern, solchen, die eben nicht mit der Geschwindigkeit von einer Meile pro Minute vorbeirasen."