Hamburg

Das "Unternehmen Mottenburg von der ZEIT als ein Modell einer neuartigen Methode der Stadterneuerung angestiftet und seit etwa fünf Jahren verfolgt, bringt stetig neue kleine Überraschungen hervor. Es sind weniger welche zum Frohlocken als welche zum Verzagen: an der Hartnäckigkeit behördlicher Gewohnheiten. Wo der Anfangselan noch eine Menge Courage hatte erhoffen lassen, zeigt sich nun wieder die Angst vor der Verantwortung unüblicher Entscheidungen und ein erklecklicher Mangel an Phantasie.

Das jüngste Ereignis in diesem Verfahren, das kleine Hamburger Stadtviertel rund um die Karl-Theodor-Straße unter Beteiligung aller, die es berührt, Schritt für Schritt zu erneuern und dabei den übertriebensten Gesetzen mit Vernunft und Einfallskraft ein Schnippchen zu schlagen, ist eine scheinbar unerhebliche Entscheidung des Hamburger Oberbaudirektors. Er hat angeordnet, daß der längere, etwa hundertzwanzig Meter messende Teil der Karl-Theodor-Straße im Stadtteil Ottensen (im Volksmund: Mottenburg) nicht nur für den allgemeinen Autoverkehr, sondern auch für die Müllabfuhr gesperrt sei. Nicht weil es den Vorstellungen der Stadtplaner von einem menschenfreundlich funktionierenden Viertel widerspräche, sondern weil die Müllabfuhr es so verlangt.

Die Müllabfuhr hat, wie ein Sachverständiger es ausdrückte, "als einer der wenigen Gewinn machenden städtischen Betriebe" eine erhebliche Macht; sie hat auch mächtige Verbündete, mit denen sie zusammen eine Art von "Anti-Wohnstraßen-Kartell" bildet: mit der Polizei, der Abteilung für Straßenbeleuchtung, der Baupolizei, den für den Straßenbau zuständigen Ingenieuren. Wohnstraßen stören ihr städtisches Ordnungsbild und ihre Ruhe.

Die Ingenieure beharren dabei auf der zweifelhaftesten Behauptung: der Untergrund der Straße sei für die schweren Müllfahrzeuge ungeeignet, ein festerer Untergrund aber überaus teuer; wörtlich genommen, müßten ganze Stadtteile für die Müllabfuhr gesperrt werden. Die Müllabfuhr wiederum reagiert rein geschäftlich und begreift die Last der Fußgängerstraße sogleich als eine Chance, abzukassieren: Entweder müssen die Anwohner der Karl-Theodor-Straße ihren Müll nun bis zu sechzig Meter weit an die Querstraßen schleppen, wo die Müllwagen verkehren dürfen, oder sie müssen tief in die Taschen greifen und bis zu achtzig Prozent höhere Abfuhrgebühren zahlen. Für das Haus Nr. 10 werden statt der bisher verlangten 1008 Mark jährlich 1728 Mark fällig, zum Beispiel.

Wie üblich, wird der harten Botschaft ein humanitärer Schlenker angeblicher Verantwortung angefügt: das Kind, das doch unter die Räder der dicken Brummer kommen könnte. Das sei ein "psychologischer Faktor", der die Müllmänner hart bedränge. Es ist ein eigenartiges Argument in einer Großstadt, zu deren Lebensinhalt starker Verkehr gehört. Es ist auch seltsam in Anbetracht der Schwerfälligkeit, mit der sich die Müllwagen, behäbig wie Elefanten, fortbewegen, langsam, ruckweise, immer nur ein paar Meter weit bis zur nächsten Haustür. Und sie haben auch nicht nur den Fahrer vom, der die Straße beobachtet, sondern die Müllmänner, die hinten aufzuspringen pflegen.

Die Übermacht der technischen Abteilungen in der Stadtplanung, die sich hier auf eine geradezu absurde Weise äußert, hatte schon früher den eigentlichen neuen Gedanken dieser Straße zerstört: Diese Nebenstraße, so hatte es die aus allen Beteiligten (Mietern, Hauseigentümern, Gewerbetreibenden, Behörden, Wohnungsbaugesellschaft, Architekten, Planern) gebildete Jury des Planungswettbewerbs empfohlen, sollte weder bleiben, was sie war, eine übliche Nebenstraße, noch sollte sie eine reine Fußgängerstraße werden, sondern das Paradebeispiel einer "befahrbaren Wohnstraße", so wie sie seit Jahren in Holland erprobt worden und in die Gesetzgebung eingegangen ist.