Die inflationäre Gedenktagsentwicklung sollte endlich mal zu denken geben. Bald dürften nämlich die 365 Tage des Jahres kaum mehr ausreichen, um dieser Flut wenigstens kalendarisch Herr zu werden. Man muß mit Überlagerungen und Interessenkollisionen rechnen, etwa wenn der grüne Feldzug zum "Tag des Baumes" von den Appellen zur Besinnung auf das "schnelle Auto" beeinträchtigt wird. Vorstellbar wäre auch ein Konflikt, der ausgerechnet am "Tag der Schweinshaxe" die Rohkostpropheten nicht nur in die Schrebergärten, sondern auch noch auf die eigenen Gedenktagsbarrikaden treibt.

Das jüngste Beispiel für das zunehmende Gedränge im Kalender liegt gerade hinter uns. Genau zwischen dem "Tag des Kindes" und dem "des Pferdes" hatte sich der "Tag des Schulsports" geschoben. Der war zum erstenmal dazu ausersehen, ein Problempaket ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, das seit rund 100 Jahren auf der deutschen Volksgesundheit lastet.

Natürlich hat man die zum Teil schwerwiegenden Folgen der Schulsport-Versäumnisse längst in Bilanzen und Statistiken erfaßt. Auch die Ärzte verdeutlichen mit penetranter Regelmäßigkeit Hiobsbotschaften über die immer besorgniserregender werdende Zunahme von Haltungsschäden und anderen Bewegungsmangelkrankheiten. Selbst das Allheilmittel, die tägliche Schulsportstunde, kennt man seit 80 Jahren. Und genauso lange wird sie vergeblich angestrebt.

Das alles sollte der "Tag des Schulsports" noch einmal in konzentrierter Form in Erinnerung rufen. Und damit noch nicht genug. Das von der Kultusministerkonferenz der Länder und vom Deutschen Sportbund gemeinsam proklamierte Ereignis bot auch die Möglichkeit zur positiven Bestandsaufnahme. So wurde verdeutlicht, daß von den 1973 per Erlaß geforderten drei Wochenstunden Sport für die allgemeinbildenden Schulen im Bundesdurchschnitt inzwischen immerhin schon 2,5 Stunden gegeben werden. Eine Phase der nüchternen und sachlichen Kleinarbeit ohne Trommelwirbel und skandalträchtiges Beiwerk hat in den letzten Jahren in der Tat zu langsam, aber stetig ansteigender Tendenz geführt.

Es gab Schulleiter und Lehrer, die die Möglichkeit zur realistischen Unterrichtsdemonstration – etwa mit den vielen räumlichen Unzulänglichkeiten – nutzten und für einen passenden Moment vor allem der Elternaufklärung hielten, die durch Gespräche und Podiumsdiskussionen zum Teil noch ergänzt wurde. Nicht wenige Verantwortliche machten aber überhaupt nichts, weil sie sich zeitlich, räumlich und personell überfordert fühlten. Schließlich waren da noch die sendungsbewußten Elitedenker, die mit leistungssportlichen Sondereinsätzen oder gar Starparaden auch selbst ein wenig glänzen wollten. Und so sind die interessierten Beobachter hin und her gerissen zwischen pro und kontra. Sie sollten Orientierungshilfe suchen in der mutigen Selbsteinschätzung der Lage, die sie beispielsweise zu dem Schluß kommen lassen könnte: Trotz bescheidener Verbesserung der Gesamtsituation ist es um den Schulsport immer noch so schlecht bestellt, daß ihm selbst ein Gedenktag nicht schaden kann. Harald Pieper