Setzen die Kosten wieder zu einem großen Sprung nach oben an?

Von Dieter Piel

Die Euphorie, in anderthalb Jahren gewachsen und genährt, schwindet: Die Kostendämpfung im Gesundheitswesen, deren Wirkung seit Beginn des vergangenen Jahres selbst Fachleuten den Atem verschlug, läßt nach. Krank zu sein und sich gegen Krankheit zu versichern, droht wieder teurer zu werden. Selbst das Bundessozialministerium, das sich nach Kräften bemüht hat, diese Kostendämpfung als sein Werk darzustellen, sieht nun Anlaß zu einer "gewissen Besorgnis" – so Albert Holler, Leiter der für das Krankenversicherungswesen zuständigen Abteilung.

Mit dieser Besorgnis liegt Holler goldrichtig. Während nämlich die Ersatzkassen gerade erst die Jubelbotschaft niedrigerer Beiträge verbreitet und dabei noch nicht einmal alle Möglichkeiten der Beitragssenkung ausgeschöpft haben, kündigen etliche gesetzliche Krankenkassen – außer den Ortskrankenkassen gehören dazu die Betriebs- und die Innungskrankenkassen – bereits wieder höhere Beitragssätze an. Die Versicherten trifft das doppelt: höhere Prozentsätze von einer ohnedies zum kommenden Jahresbeginn wieder steigenden "Bemessungsgrundlage".

So wollen etwa die Allgemeinen Ortskrankenkassen der Ruhrgebietsstädte Dortmund und Hagen im kommenden Jahr ihre schon jetzt sehr hohen Beitragssätze von 11,9 Prozent um wenigstens einen halben, vielleicht sogar einen ganzen Prozentpunkt heraufsetzen, weil ihnen, wie der Dortmunder AOK-Chef Wilhelm Vogelsänger klagt, "wichtige Kosten davonlaufen". Andernorts will man den Versicherten noch nicht einmal mehr diese kurze Verschnaufpause von einem Vierteljahr gönnen: So wurde etwa die Bielefelder AOK bereits in der vergangenen Woche teurer. Diese Beitragserhöhungen, teils angekündigt und teils auch schon, praktiziert, sind zwar noch nicht repräsentativ. Doch sie signalisieren eine bedrohliche Beschleunigung der Ausgaben, der, wenn sie anhalten sollte, spätestens 1980 wieder eine so allgemeine Teuerung folgen wird, wie sie. die Versicherten aus der ersten Hälfte unseres. Jahrzehnts in böser Erinnerung haben. Damals, in den Jahren 1971 bis 1975, stiegen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen im Schnitt um 19,5 Prozent pro Jahr, 1976 immerhin noch um 9,3 Prozent, ehe sich dieses Wachstum schließlich im vergangenen Jahr auf das ungewöhnlich niedrige Maß von 4,4 Prozent minderte.

Mit den noch unvollständigen Ergebnissen des ersten Halbjahres 1978 aber kündigt sich eine Trendwende an. Allein die Ausgaben für Medikamente, die in der ersten Hälfte des Vorjahres nur um 1,84 Prozent zugenommen hatten, nahmen plötzlich wieder um 10,24 Prozent zu. Erheblich steiler, als es die Ingenieure der Kostendämpfung erwartet haben, steigen aber auch wichtige andere Kosten: Die Pflegesätze in den Krankenhäusern kletterten während der ersten sechs Monate dieses Jahres mancherorts bis zu siebzehn Prozent nach oben und nahmen mithin fast dreimal so schnell zu wie die Einnahmen der Kassen; und auch das Krankengeld für erkrar.kte Arbeitnehmer schlägt wieder überproportional zu Buche.

Nur ein Torso geblieben ...