ARD, Freitag, 6. Oktober: "Mama, ich lebe", Spielfilm (DDR 1977) von Konrad Wolf

Es geht also auch so. Man kann Stimmungen beschwören und trotzdem ein Problem im Auge behalten. Man kann Traumbilder zeichnen, Winterlandschaften von bedrückender Melancholie, und dennoch eine Gedanken-Operation bis zum Ende durchführen. Wie man das eine tun kann (will heißen: Atmosphäre, Zwischentöne, Übergänge zu illustrieren), ohne das andere zu lassen (das meint: auf gedankliche Präzision, Didaktik und Konsequenz in der Entwicklung des Grundproblems zu sehen) ... wie sich ein moderner Film machen läßt, der die Kategorien des Gedankenstücks à la Sartre und Brecht für bildkräftig und überzeugungsfähig hält: Konrad Wolf hat es bewiesen – bewiesen in einem Film, der am Beispiel "bevorzugter", also zum Einsatz in den sowjetischen Antifa-Gruppen. entschlossener deutscher Kriegsgefangener verdeutlichte, was es heißt, in eine Situation zu geraten, die nicht das Gute, sondern nur das weniger Schlechte zu wählen gestattet,

Ist es besser, mit den Hungernden zu hungern und derart Solidarität mit den geschlagenen Landsleuten zu zeigen? Oder ist es ehrenwerter, das in der Gefangenschaft gelernte Ideal von morgen, den sozialistischen Internationalismus, gegen das eingedrillte Ideal von gestern zu kehren, die Vaterlandsliebe, die nicht danach fragt, welcher Art das sogenannte Vaterland ist? Ist es würdiger, mit dem Feind zu siegen als mit den eigenen unterzugehen – zu siegen auf die Gefahr hin, daß der Frontwechsel entweder als Opportunismus oder, zumindest, als Paktieren mit den Russen eingeschätzt wird?

Was aber, dies war das Grundproblem des Films, aber, einer, der wirklich überzeugt des daß man – das bessere Morgen nun einmal ist, auf Seiten des Feinds haben kann? Wie verhält sich anno 1944 der Gefangene, Gefreite oder Unteroffizier, dem plötzlich deutlich wird, daß er mit seinen bescheidenen Kräften die Chance hat, in die Fußstapfen eines freien Mannes namens York von Wartenburg zu treten? Wird er den Sprung wagen, den kleinen zuerst – Propaganda in antifaschistischem Sinne zu treiben – und endlich den letzten: Auf seine Landsleute während der Aktionen der Einsatzkommandos zu schießen?

Ein roter Partisan kann ein besserer Patriot sein als sein Gegenüber auf der anderen Seite, die, von Hitler vertreten, nicht die richtige ist – aber er muß es nicht sein. Dieses Problem wurde mit einem Höchstmaß an behutsamer Differenzierung veranschaulicht. Vom deutschen Theologie-Studenten, der nicht schießen mag (und dann doch mitmacht), bis zum sowjetischen Kommandeur, der keine Deutschen begrüßen möchte (und es dann doch tut), war eine Fülle kontroverser und, dies vor allem, in sich widersprüchlicher Charaktere versammelt. Ein Ensemble höchst realer Figuren, die zugleich den Charakter von Möglichkeitsmenschen hatten: offen, situationsabhängig und auf Umbrüche angelegt.

Statt jede Station auszumalen und perfekte Psychogramme zu geben, inszenierte Wolf gleichsam vom Rande her. Das Ereignis selbst aussparend (den Tod eines Russen, die Umkehr eines Deutschen, der sich anfangs dem Einsatz verweigert) schildert er das Davor und Einsatz und zwingt so die Phantasie des Betrachters, Vorgänge zu rekonstruieren, die den Widerspruch zwischen den gezeigten Szenen überbrückten – in jener Mutmaßungs- und Möglichkeitsform, die dem Duktus dieses überaus intelligenten und leisen, eher andeutenden als auf krasse Thesen zugespitzten Films entspricht.

Momos