Bisher hat die Sowjetunion eine ebenso schlichte wie wirksame Nichtverbreitungspolitik verfolgt: Außer an Finnland lieferte sie Kernkraftwerke nur an solche Länder, wo russische Truppen stationiert sind. Die Verkopplung von Atom- und "Soldatenexporten" war eine elegante Lösung für ein Problem, das dem Westen Seit Jahren Kopfschmerzen beschert hat. Welchen Ländern dürfen Atomanlagen anvertraut werden? Wie kann sichergestellt werden, daß die zivile Kernenergienutzung nicht zum Bombenbau mißbraucht wird? Den Streit über die einzig richtige Exportpolitik überließ die Sowjetunion den Deutschen, Franzosen und Amerikanern; sie selbst handelte nach Lenins klassischem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Diesen, eisernen Grundsatz hat der Kreml nun zum erstenmal durchbrochen – ausgerechnet in Libyen, das selbst unverbesserlichen Optimisten keinen Grund zur Vertrauensseligkeit bietet; Libyen soll einen 300-Megawatt-Leistungsreaktor sowie ein Forschungszentrum und diverse Labore made in USSR erhalten. Das Kraftwerk soll hauptsächlich zur Entsalzung von Meerwasser eingesetzt werden – ein hehres Verlangen für einen Wüstenstaat wie Libyen. Nur: Der Reaktor liefert nicht nur die Energie für die Süßwassergewinnung, sondern auch den Stoff, aus dem sich – wenn wiederaufbereitet – jährlich zehn Atombomben vom Hiroshima-Format bauen ließen.

Der libysche Staatschef Ghaddafi – "dieses verrückte Kind", wie ihn der ägyptische Präsident Sadat nennt – hat bisher kaum jene Vergeßlichkeit an den Tag gelegt, die diesen sowjetischen Traditionsbruch rechtfertigen könnte. Kaum hatte er 1969 den greisen König Idris von der Macht vertrieben, da schlug er seinem Idol Nasser vor, eine Atombombe gegen Israel zu kaufen. Als ihn der entgeisterte Ägypter-Führer mit väterlicher Milde ermahnte, daß Atombomben nicht zum Verkauf auslägen, schickte der junge Ghaddafi seinen zweiten Mann, Major Dschalloud, postwendend nach Peking, wo freilich Tschou En-lai mit chinesischer Höflichkeit auch in atomaren Dingen die Tugenden der nationalen Selbständigkeit anpries. Unvergessen bleibt auch jene Episode aus dem Jahre 1973, als sich Ghaddafi für den israelischen Abschuß einer verirrten libyschen Verkehrsmaschine im Sinai rächen wollte. Er zitierte den Kapitän eines in Tripoli stationierten ägyptischen U-Boots zu sich und befahl ihm, die Queen Elizabeth II. zu versenken, die gerade mit einer großen Gruppe amerikanischer Juden nach Haifa dampfte. Glücklicherweise funkte der Kapitän die Order nach Hause, worauf ihn der geschockte Sadat persönlich nach Alexandrien zurückkommandierte.

Heute ist Ghaddafi zwar schon 36 Jahre alt, aber kaum weiser geworden. Ob es darum geht, die Friedenspläne von Camp David zu torpedieren oder Terroristen von Irland bis Japan zu unterstützen – überall hat der Libyer seine Hände und seine Petrodollar mit im Spiel. Gewiß, auch der Westen hat nicht immer Umsicht, walten lassen, wenn der kühle Kommerz den Export von "sensitiven Technologien" in labile oder gar bombenlüsterne Länder der Dritten Welt diktierte. Nur: Unter allen möglichen Proliferationskandidaten ist das Streiche Libyen das Land, das die Atomkraft am wenigsten braucht und zugleich die höchste Gefahr ihres Mißbrauchs heraufbeschwört.

Die atomaren Lieferländer des Westens sind mittlerweile vorsichtiger geworden. Selbst einstige Außenseiter wie Frankreich erwägen eher einen Vertragsrückzieher als den Versand einer bombentauglichen Aufbereitungsanlage nach Pakistan. Was sich die Sowjets bei ihrem Exportpaket für Libyen gedacht haben, bleibt vorläufig unklar. Hoffentlich haben sie Lenins Diktum nicht vergessen. Josef Joffe