Von Harald Steffahn

Als Nikita Chruschtschow 1956 mit Stalin abrechnete, kritisierte er ingrimmig auch dessen militärische Leistungen. Nach den ersten demoralisierenden Niederlagen "verziehtete Stalin lange Zeit, die Leitung der Kriegsführung auszuüben, ja, er ging sogar so weit, überhaupt nichts mehr zu tun. Erst als einige Mitglieder des Politbüros... ihm klarmachten, daß notwendigerweise unmittelbar gewisse Schritte unternommen werden müßten, um die Lage an der Front zu verbessern, übernahm er wieder die aktive Führung".

Daran fühlt man sich lebhaft erinnert, wenn der englische Rußlandkenner Edward Crankshaw sich mit dem Krimkrieg befaßt. Nikolaus I. "war im Begriff, moralisch abzudanken. Dann, plötzlich riß er sich zusammen und kehrte zurück in den Winterpalast, entschlossen, wieder die Führung zu übernehmen".

Wie die Führung gehandhabt wurde, zeigt erst recht frappierende Ähnlichkeiten. Von Seiten Stalins: Er "erließ Befehle, die die wahre Lage an einem bestimmten Frontabschnitt nicht berücksichtigten und keinerlei Hilfe bedeuteten, sondern im Gegenteil zu riesigen Menschenverlusten führten". Von Seiten des Zaren: "Es kam Nikolaus nie in den Sinn, daß es irgendwie widersinnig erscheinen könnte, wenn ein Staatsoberhaupt... bis ins kleinste Detail den Einsatz einer weit erscheinen Armee regelte, über deren wahre Situation er keine wirkliche Vorstellung hatte." Das könnte eine Zufallsparallele sein. Aber das Buch von

Edward Crankshaw: "Winterpalast. Rußland auf dem Weg zur Revolution 1825–1917"; List Verlag, München, 1978; 480 S., 36,– DM

lebt von solchen Parallelen, ohne sie jedesmal hervorzuheben. Es ist erstaunlich, in welchem Maße das letzte Jahrhundert des Zarenreiches schon kommunistische Herrschaftsformen vorgeprägt hat; wie intensiv das Sowjetsystem umgekehrt zaristische Traditionen fortleben läßt, Sollte dies alles weniger monarchistisch-absolutistisch und weniger bolschewistisch als vielmehr kontinuierlich russisch sein?

Alexanders I. Militärsiedlungen – das Leben ein einziges Fron- und Exerzierreglement – sind wie der Archipel Gulag in Kladde; das Staatsmodell des Dekabristen Pawel Iwanowitsch Pestel ist reinster Stalinismus (dabei war er ein Regimegegner); die Dritte Geheimdienst-Sektion der kaiserlichen Privatkanzlei unter den folgenden Zaren nahm die Organisationsmuster der Tscheka, GPU, NKWD, MWD vorweg; die Ausmerzung aller Spuren des polnischen Nationalismus 1863 unter dem relativ fortschrittlichsten der Romanows, Alexander II., erinnert an die schlimmsten Erscheinungen in den Jahren 1939 und danach; die Zarenanbetung, der Byzantinismus, konnten von der Stalinzeit nur noch unwesentlich übertroffen werden; daß Nikolaus I. den Systemkritiker Peter Tschaadejew ausdrücklich für verrückt erklärte, läßt ähnliches heute gar nicht so verwunderlich erscheinen; und wenn Tauwetter und scharfe Zensur, einander ablösten, dann wird auch hierin ein machtpolitisches Webmuster erkennbar, das durch alle Zeitveränderungen hindurchschimmert.