Von Günter Herburger

Von Literatur zu reden, die über den Rand der Eigentumswohnungen und gleichmäßig kunstdüngergeschwellten Felder zu sehen vermöchte, wird immer schwieriger, seitdem es auch bei uns geduckt schabende Bestsellerfabrikanten gibt, in deren Produkten zwar Fleiß und Wehsal stecken, doch kaum Ideen, noch weniger Zorn oder Entschiedenheit aus Sehnsucht, was schon immer ein Gradmesser für Güte war.

Ganz anders in dem Buch von –

Manfred Esser: "Ostend-Roman"; März Verlag/van Deelen Film GmbH, Jossa (Vertrieb 2001, Frankfurt, Postfach 710 507), 1978; 342 S., 16,– DM,

das sich so schnell nicht lesen und vergessen läßt gleich vielen anderen. Seine Sprache ist widerborstig, schmiegt sich nicht der rührend bekannten Wärme alter Unterhosen oder höflicher Schwindel an, sondern stelzt manchmal so eckig einher, als seien seine Figuren von Beckmann gemalt oder sie wird befreiend vulgär wie die von Döblin in seinem zu Unrecht bekanntesten Roman, der zum Teil hinten auf der Hasenheide spielt, als sie noch nicht bebaut war.

Das alles findet nicht in Berlin statt, unserer ehemaligen Metropole, deren Idiom noch immer als übergeordnete Arbeitersprache gilt, ein kopfloses Mißverständnis, sondern in Stuttgart, einem ausbetoniertem, vormals grünen Tal, das nur noch nachts, oben von einem Bismarckdenkmal aus, "bekränzt wie eine Königin" aussieht. Hölderlin und andere Dichter umrundeten mehrmals diese Stadt zu Fuß und begannen, Abschied nehmend, zu weinen.

Manfred Esser tut das nicht. Er bleibt unten in seinem Viertel namens Ostheim, durch das nun Verkehr brandet, als hätten schon alle Bewohner Anteil am quellenden Hefezopf, genannt Wirtschaftswachstum.