Von Gerhard Seehase

Früher war’s so: Da lagen die Bosse der Fußball-Bundesliga vorher mit der Angel auf der Lauer, und wenn dann jeweils am 1. Mai – eine Sekunde nach Mitternacht – der offizielle Termin da war, zogen sie den Goldfisch mit einem Stoßseufzer der Erleichterung an Land. Bis 1972 war der Markt für den Spielertransfer nur in der Zeit vom 1. Mai bis zum 30. Juni offiziell geöffnet. Wer bis dahin den Fußballmarkt nicht abgeklappert hatte, konnte sich für die neue Saison auch nicht mehr verstärken.

Heute können die Spieler der professionellen Bundesliga noch mitten in der bereits laufenden Saison, nämlich bis zum 31. Dezember, von Verein zu Verein transferiert werden. Und die Klubs machen lebhaften Gebrauch davon.

Der 1. FC Nürnberg, Bundesliga-Aufsteiger 1978, gehörte nach dem 7. Spieltag zusammen mit den beiden anderen Aufsteigern Arminia Bielefeld und SV Darmstadt 98 bereits wieder zum Schlußtrio der höchsten Spielklasse. So groß die Freude nach dem Aufstieg ins Fußball-Oberhaus war, so ernüchternd mußte nun der Sturz in die Gefahrenzone wirken. Den drohenden Abstieg vor Augen reagierten die Nürnberger am schnellsten: Sie schauten ins eigene Portemonnaie und ließen sich’s, weil guter Rat, vornehmlich in einer bedrohlichen Situation teuer zu sein pflegt, zur Abwendung des Schlimmsten etwas kosten. Sie verpflichteten mitten in der Saison zwei neue Spieler: Detlef Szymanek von Fortuna Düsseldorf und Bernd Schmider vom VfB Stuttgart.

"Als wir nach der erfolgreichen Qualifikation gegen Rotweiß Essen, sozusagen als allerletzter, in die Bundesliga aufstiegen, war der Markt abgegrast", sagte Klubmanager Franz Schäfer. "Wenn es also wichtig ist, daß der Spielermarkt bis Ende Dezember geöffnet bleibt, dann ist es besonders wichtig für den dritten Aufsteiger, der erst noch durch eine Qualifikationsrunde muß."

Die Nürnberger, die bei der Verpflichtung von Szymanek (290 000 DM) und Schmider (Leihgabe) vom offenen Markt profitieren, setzen also auf zwei neue Spieler. Sie verändern damit von heute auf morgen den Spielerstamm, mit dem sie zu Beginn der Saison so hoffnungsvoll angetreten wären. Die viel wichtigere Frage ist: Verändern sie damit – und die Nürnberger sind in diesem Transfergeschäft ohne Ladenschluß nur eine von vielen – nicht auch einen sportlichen Wettbewerb, der, wie jeder Sport, auf Chancengleichheit basiert?

Tatsache ist, daß der Sport ein immanentes Gesetz hat, das für den Unterlegenen recht bitter sein kann. Dazu gehört, daß ein Boxer, der in der 7. Runde vor dem K. o. steht, sich vor dem K. o. in der 8.Runde nicht dadurch schützen kann, daß er nun seinen Freund, gegen gute Bezahlung, versteht sich, in den Ring schickt.