Das Beispiel Ford zeigt: Labours Lohnpolitik ist gescheitert

Für die Tories konnte es besser kaum laufen. In der vergangenen Woche zerriß der Parteitag der Labour-Party im nordenglischen Seebad Blackpool das Lohnkonzept der Labour-Regierung Callaghan und wies in einer fast rüden Resolution jegliche staatliche Einmischung in die Lohnbewegung zurück. Am Montag, einen Tag vor Beginn des konservativen Parteitags im südenglischen Seebad Brighton, hatten die Gewerkschaften die ersten beiden Großunternehmen weichgeklopft. Der Autokonzern Ford setzte sich über die Fünf-Prozent-Grenze der Regierung hinweg und wieder an den Verhandlungstisch mit den Gewerkschaften. Das Management von British Oxygen, des Monopolisten für Industriegase, bot seinen Gewerkschaften eine Zulage von acht Prozent an.

Die Verlegenheit der Regierung ist offensichtlich. Die Oppositionsführerin Mrs. Thatcher braucht die in Großbritannien zum Überdruß gestellte Frage gar nicht mehr rhetorisch zu wiederholen: Kann eine Labour-Regierung wirklich so viel besser mit den Gewerkschaften umgehen als die konservative Konkurrenz?

Die Manager der Ford Motor Company, des britischen Teils des multinationalen US-Konzerns, wollten "gute Bürger" sein und die erklärte Politik der Regierung nicht unterminieren. Als die Gewerkschaften ihre Forderungen für die 57 000 Arbeiter vorlegten – 25 Prozent mehr Lohn und eine Reihe von Nebenforderungen, die nach Kalkulation des Personaldirektors die Arbeitskosten um insgesamt sechzig Prozent steigern würden –, antwortete Ford richtliniengetreu: fünf Prozent und Gespräche über weitere Zulagen, sofern diese durch höhere Produktivität verdient würden.

Einige Funktionäre organisierten daraufhin sofort spontane Arbeitsniederlegungen. Anschließende Massenversammlungen sanktionierten den Streik, der dann von den Gewerkschaftsführungen für offiziell erklärt wurde. Ford-Vorsitzender Sir Terence Beckett fügte, daß hier gegen bestehende Vereinbarungen verstoßen wurde, denn das Arrangement laufe noch bis zum 21. Oktober. Aber in Großbritannien gibt es keine Friedenspflicht, und Lohnabmachungen sind keine rechtlich verbindlichen Verträge.

Zwei Wochen nach Beginn des Streiks ist das Management nun zu dem Ergebnis gekommen, daß die Gewerkschaften sich, bei dem Lohnvorreiter Ford auf einen langen Streik eingestellt haben. Weiter im Fünf-Prozent-Graben zu hocken, hielt der Vorstand deshalb nicht mehr für ein Stück patriotischer Pflicht, sondern für Masochismus.

Kommerzielle Überlegungen gaben den Ausschlag. Der britische Automarkt erlebt derzeit einen Boom: In den ersten neun Monaten betrug das Absatzplus 23,5 Prozent. Ford (Marktanteil 27 Prozent) ließ dabei den Konkurrenten Leyland (23 Prozent) weit hinter sich. Aber seit zwei Wochen rollt kein Ford-Auto mehr aus den Fabriken. Eine Solidaritätsaktion der Hafenarbeiter hat dafür gesorgt, daß auch keine Ford-Wagen aus kontinentalen Werken (rund ein Drittel der britischen Ford-Verkäufe) mehr auf die Insel kommen. In den ersten neun Monaten schickten Köln und Saarlouis alle 33 000 Granada und alle 30 000 Capri sowie 13 000 Escort. Spanien half mit 17 000 Fiesta aus und Belgien mit 28 000 Taunus (in England Cortina).