Kurdirektor Hanshorst Schwarz läßt keinen Zweifel am Erfolg der Tölzer Kur aufkommen ("Jeder Patient, der den Willen hat, gesund zu werden, wird es hier") und illuminiert, wie jeder Kurdirektor zwischen Travemünde und Garmisch-Partenkirchen, seine Überzeugung mit einer Heilungslegende jüngster Erinnerung: "Der Kurgast kam an zwei Stöcken angehumpelt. Nach sechs Wochen ..." Es handelt sich möglicherweise um die nämlichen Stöcke, die wundersam genesene Wallfahrer in Zeiten größeren Glaubenseifers der Mutter Gottes zu Füßen legten.

Die Tölzer Kur hat sich aber auch ohne flankierende Hilfe des Himmels namentlich bei Herz-Kreislauferkrankungen, Bronchialleiden, Altenerkrankungen und Erschöpfungszuständen bewährt. Sie stützt sich auf die Heilwirkung lokaler Jodquellen, gemeindeeigener Moore (hoch und nieder) und des famosen subalpinen Reizklimas. Gesundung durch Jod als Kurmittel der inneren und äußeren Anwendung erhofft jeder zweite Kurgast. Die andere Hälfte der Bad Tölzer Patienten vertraut den Verheißungen eines neuen Kurmodells.

Der Begriff ‚Tölzer Kur‘ umschreibt eine seit rund zehn Jahren in den Privatsanatorien Buchberg-Klinik, Kaiserhof und Oberland-Klinik (550 Betten) entwickelte und praktizierte, von Chefarzt Dr. Theo Kleinschmidt inspirierte Ganzheitstherapie, die ihrerseits wieder in den Kurort integriert ist. Die Heilmethode umfaßt neben medizinischen Anwendungen, Diät, Massagen und Gymnastik auch Gesundheitstraining und Gesundheitserziehung. Im Hause sind eine Gesundheitspädagogin und zwei Psychologen tätig. Kleinschmidt: "Das Programm dient der mentalen Aktivierung. Der Kranke wird nicht auf Heilung getrimmt, sondern unter dem Aspekt einer psychophysischen Therapie körperlich und geistig konditioniert. Der Doktor wünscht sich den aufgeklärten Kranken, den kritisch mitdenkenden, gegebenenfalls auch widersprechenden Patienten, und es scheint bezeichnend für das Engagement des Chefarztes, daß er, ausgenommen zu Visiten, niemals den weißen Kittel trägt.

Achtzig Prozent der Tölzer Kurgäste (zu gleichen Teilen Privat- und Sozialpatienten) suchen Heilung von Herz-Kreislaufkrankheiten. Bad Tölz lebt fast ausschließlich von der Kur und vom Fremdenverkehr. Die Statistik erfaßt jährlich 32 000 Kurgäste nebst 18 000 Urlaubern, insgesamt 700 000 Übernachtungen bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 22 beziehungsweise 17 Tagen. Die Auslastung der 3 700 Betten (allein ‚1400 in 15 privaten Kliniken und Sanatorien) liegt im Jahresmittel bei 60 Prozent. Der Geldumlauf durch Kur- und Fremdenverkehr wird auf 55 Millionen Mark geschätzt (zum Vergleich: städtischer Haushalt rund 33 Millionen). Zum Kommunalbad Tölz, einem Eigenbetrieb der Stadt, gehören lediglich die Moorbadeabteilung im Hallenschwimmbad, die Kurverwaltung mit Kur- und Lesesaal sowie der Franziskanergarten. Mit den übrigen Körperschaften des Kurbetriebs ist die Stadt durch Beteiligungen verflochten. In der privaten Gesellschaft der Jodquellen-AG ist sie mit einer Sperrminorität von 26 Prozent vertreten. Die Aktiengesellschaft, Besitzerin der Trink- und Wandelhalle, des Hotels Jodquellenhof (97 Betten) und des Kurmittelhauses Herderbad, gleicht Defizite durch Einnahmen aus dem luxuriösen Spaß- und Freizeitbad Alpamare (drei Stunden einschließlich Sauna: 9,50 Mark) aus.

Das behagliche Herz-Kreislaufbad im schönen Isarwinkel hat, wie die meisten westdeutschen Kurorte, die Rezession zu spüren bekommen. Doch die erlittenen Einbußen von zwölf Prozent werden durch ein Plus in den letzten beiden Jahren bis zur Abschlußbilanz 1978 voraussichtlich aufgeholt sein. Wolfgang Boller