Von Horst Bienek

Unsere Gerüchtebörse ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Da werden nun schon von Jahr zu Jahr die immer gleichen Namen für den Literatur-Nobelpreis gehandelt, und dann bekommen ihn doch ganz andere Autoren, an die vorher kaum jemand gedacht hat. Für Überraschungen ist die Schwedische Akademie allemal gut, und Tadel erhält sie, wie es scheint, in jedem Fall. Jedenfalls macht es sich die Kritik zu leicht, wenn sie die Preisgekrönten rasch als Außenseiter (die "Süddeutsche" sogar: "krasse Außenseiter") abstempelt. Patrick White, Tanizaki, Andrić, Aleixandre Außenseiter? In ihrem Land, in ihrer Literatur mitnichten!

Isaac Bashevis Singer ist ein urwüchsiger, kraftvoller, fabulierfreudiger, hinreißender Erzählen dies alles sind narrative Tugenden, ich weiß, die vor ein paar Jahren noch Schimpfwörter waren. Aber es kommt noch schlimmer: ein Nobelpreisträger, der weder Joyce noch Beckett gelesen, vom Romanessay eines Musil nie etwas gehört und Nabokovs "Pale fire" – eingestandenermaßen – nicht begriffen hat? Und trotzdem ein großer und, ja, auch kunstvoller Erzählen Als ihm die Auszeichnung übermittelt wurde, sagte er bescheiden und zugleich etwas eingeschüchtert; "Ich freue mich natürlich sehr. Gleichzeitig aber bin ich traurig, daß größere Schriftsteller als ich nicht ausgezeichnet wurden."

Er ist kein intellektueller Erzähler, das ist wahr, und neben Saul Bellow, Philip Roth und Mordechai Richler vertritt er in der amerikanischen Literatur eher die volkstümliche Seite des Erzählens – wie auch Scholem Alejchems und Tolstoijs Erzählungen einfach und traditionell sind. Die aber sind seine Lehrmeister. Seine Figuren sind keine Universitätsprofessoren; wenn sie Lehrer sind, dann in einer Jeshiwa, einer Judenschule; keine Kardinäle, eher Wunder-Rabbis; wenn sie Gott anrufen, dann auf eine vertrackt-kabbalistische Weise; keine Philosophen, wenn sie über die Welt nachdenken, dann wie ein "Spinoza von der Marktstraße".

Singer ist 1904 in dem Städtchen Radzymin in Polen geboren und in Warschau aufgewachsen, in der Krochmaina (was nicht nur eine Straße, sondern das farbigste jüdische Viertel, ähnlich wie Babels Moldawanka in Odessa, bezeichnet). Obwohl er 1935 nach Amerika auswanderte, ist er sein Leben lang nicht aus diesem Milieu des "Schtetl" herausgekommen. Das "Schtetl" meint nicht nur jene Kleinstädte mit starker jüdischer Bevölkerung im Osten (Österreich, Polen, Rußland); "Schtetl" ist auch geistiger Inbegriff der ostjüdischen Kultur und ihrer Sprache, einer reichen, originären Kultur, die von Sabbati Zwi und dem Chassidismus (Bubers Erzählschatz!) bis zu Alejchem, Sforim, Peretz, Anski und als letztem, zu Singer reicht. Eine Kultur, die unwiederbringlich dahin ist, zerstört durch die Nazi-Massaker, die stalinistischen Verfolgungen und auch durch die weitgehende Assimilation der Juden im Westen.

Singer: Das ist Zeugenschaft dieser untergegangenen Kultur, die er auf so eindringliche Weise etwa in "Jakob der Knecht", "Der Zauberer von Lublin" oder "Satan in Goraj" beschwört; dies sind historische Romane, die mit ihren politischen, menschlichen, vor allem religiösen Konflikten bis in die Gegenwart wirken.

Ernsthafte, grüblerische, schwierige Romane. Sie brachten ihm Reputation aber kaum große Auflagen. Der Rowohlt Verlag hatte sich schon Mitte der sechziger Jahre seiner Bücher angenommen, aber dann, nach vier unverkauft gebliebenen Büchern, aufgegeben. Singers Erfolg kam, auch in den USA, später. Damals vollbrachte Singer etwas schier Paradoxes: Er verließ den historischen Schauplatz, verließ Radzymin und Frampol, Krasznyk und Goraj und siedelte seine Geschichten im Amerika der Gegenwart an, ein Kabbalist am Broadway – und blieb doch im Schtetl. Denn sein literarisches Personal war inzwischen (genau so wie er selbst ) in Brooklyn und am East River von Manhattan "zu Haus", sprach weiterhin Jiddisch, kaufte in jiddischen Läden (und wenn einer englisch konnte, hörte man doch sofort am Akzent seine Herkunft heraus) und in ihren Köpfen und Herzen lebte das Schtetl weiter.