Kempfenhausen

Sichtlich erregt griff der Regierungsdirektor tief in die Geschichte zurück: "Hier werden psychisch Kranke behandelt wie im Mittelalter die Aussätzigen", befand Rudolf Balles, der Verwaltungschef des Bezirkskrankenhauses Haar bei München, und Harald Hoegner, Sohn des bayerischen SPD-Nestors und ehemaligen Ministerpräsidenten, seufzte: "Was sind das doch für Menschen." Die Entrüstung, im oberbayerischen Bezirkstag lautstark vorgetragen, zielte auf Argumente, mit denen eine Bürgerinitiative im Nobelort Kempfenhausen am Starnberger See verhindern will, daß dort in einem demnächst zu schließenden Altenkrankenhaus der Stadt Münden eine psychiatrische Klinik des oberbayerischen Bezirks mit gut 200 Betten eingerichtet wird. Eine Art "Elite-Psychiatrie" für leichte Fälle aus den umliegenden Kreisen, wie Bezirkstagssprecher Ferdinand Gruber das ohnehin erst frühestens 1982 realisierbare Projekt bezeichnet.

Doch in Kempfenhausen, wo keinesfalls Münchens Geldadel über dem Starnberger See residiert, sondern allenfalls betuchter Mittelstand mit hohen Ex-Beamten vermischt, war diese Ankündigung schon das Signal für eine Kampagne, die Regierungsdirektor Balles als "absoluten Tiefschlag" in dem Bemühen aller politischen Parteien sieht, die Eingliederung der psychisch Kranken in die Gesellschaft voranzutreiben. Sollte Kempfenhausen Standort der Klinik werden, dann würde dort "die Lebensqualität und das allgemeine Wohlbefinden vieler tausender Bürger, und deren Kinder mehr oder minder stark beeinträchtigt", behauptet eine Bürgerinitiative,die inzwischen über 80 Mitglieder verfügt.

Freilich ist es nicht nur ein so schwammiger Begriff wie "Lebensqualität", der nach Ansicht der 80 (beileibe nicht für alle Bürger sprechenden) Protestierer von der psychiatrischen Klinik "im Herzen des Ostufers des Starnberger Sees" angetastet würde. Auch das Geschäft könnte leiden, was die Bürgerinitiative ungeniert so ausdrückt: Die Klinik werde "einen erheblichen Rückschlag, wahrscheinlich eine erhebliche Gefährdung, möglicherweise Vernichtung der Existenz zahlreicher Fremdenverkehrsbetriebe bedeuten". Für die Bevölkerung werde das Krankenhaus eine "unvermeidbare Belästigung" darstellen, schrieb Bürgermeister und Gastwirt Josef Uecker von der Großgemeinde Berg auf amtlichem Bogen an den Bezirkstag.

Für Berg ist dies nicht der erste Protest gegen eine soziale Einrichtung des zuständigen Bezirkstags. Schon vor zwei Jahren protestierte eine Bürgerinitiative erfolgreich gegen die Absicht des Bezirks, in einem ehemaligen Exerzitienhaus der Jesuiten auf der Rottmannshöhe hoch über dem See ein Heim für sehbehinderte Kinder einzurichten. Nach langem Hickhack wurde die CSU-Mehrheit im Bezirkstag weich, die auch so unmenschliche Argumente hörte wie den Hinweis, die behinderten Kinder könnten wegen ihrer schwachen Augen das herrliche Panorama bis zur Alpenkette ohnehin nicht genießen. So sitzen die sehbehinderten denn weiter in einem historischen dunklen Altbau in Augsburg.

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Derart in Polemik geschult, fiel es der neuen Bürgerinitiative auch nicht schwer, gegen die psychiatrische Klinik zu Felde zu ziehen. Da gebe es in der Nähe der geplanten Klinik einen "sehr beliebten großen Lehrkindergarten" und ein "wachsend beliebtes Mädchen-Gymnasium", hieß es düster. Selbst die Nähe der Klinik zu einer Kirche war den Gegnern zum Protest nicht zu schade. Der evangelische Pfarrer und FDP-Sprecher im Bezirkstag, Hermann Rupprecht, nannte das "verlogen und fatal". Während er der Bürgerinitiative dringend empfahl, "ernsthaft über das Neue Testament nachzudenken", schrieb die in ihren Protestbrief den rührenden Satz: "Die hier Vortragenden bringen den kranken Menschen sehr wohl soziales Mitgefühl und Wärme entgegen." Nur rate die moderne Lehre von der Psychiatrie eben, die Kranken nicht in isolierten Nervenkrankenhäusern unterzubringen, sondern in psychiatrischen Abteilungen, die allgemeinen Krankenanstalten angegliedert werden.