Wir reden hier nicht über Literatur, ich bin aber – zu meinem Unglück oder Glück – Literat und habe daher nicht immer die passenden Fachausdrücke zur Hand. Entschuldigt also, wenn meine Terminologie gelegentlich ungenau oder unsicher ist. Zudem ist das, was ich zu sagen habe, nicht Ergebnis einer spezifisch politischen oder schriftstellerischen Erfahrung, sondern einer Erfahrung, die ich fast existentiell nennen möchte.

Mein Thema heißt: Völkermord. Ich glaube nämlich, daß in der heutigen italienischen Gesellschaft alte Werte zerstört und durch neue ersetzt werden, wodurch – ohne Blutbäder und ohne Massenerschießungen – weite Schichten unserer Gesellschaft eliminiert werden. Diese Behauptung ist übrigens gar nicht so ketzerisch oder unorthodox. Schon im "Kommunistischen Manifest" wird an einer Stelle präzise der Völkermord beschrieben, den die Bourgeoisie an bestimmten Schichten der unterdrückten Klassen, insbesondere am Subproletariat und an den Kolonialvölkern, verübt. Heute durchlebt Italien diesen Vorgang zum erstenmal und auf schreckliche Weise: Weite Schichten, die bisher gleichsam außerhalb der Geschichte gelebt haben – der Geschichte der bürgerlichen Herrschaft und der bürgerlichen Revolution – sind diesem Völkermord, also der Anpassung an die bürgerliche Lebensweise zum Opfer gefallen.

Anders als zu Marx’ Zeiten, wo Gewalt noch offen und ungeniert ausgeübt wurde, wo Kolonien unterworfen und Herrschaftsansprüche brutal durchgesetzt wurden, werden heute die alten Werte klammheimlich durch neue ersetzt, durch eine Art geheimer Verführung: die Methoden sind viel subtiler, praktikabler und komplexer, der Vernichtungsprozeß technisch viel ausgereifter und tiefgreifender geworden. Die alten Werte werden unter der Hand durch neue ersetzt – man muß es der Öffentlichkeit schon gar nicht mehr erklären, denn den breiten Massen sind die großen ideologischen Auseinandersetzungen ohnehin. kaum bekannt.

Im drücke mich wohl klarer aus, wenn ich so spreche, wie ich es gewohnt bin, nämlich als Schriftstellen. Zur Zeit arbeite ich an einem Buch, in dem ich dieses Thema in dichterische Bilder übersetze: Ich beschreibe eine Art Abstieg in die Unterwelt, wo mein Held den Völkermord, den ich gerade erwähnte, kennenlernen soll. In dieser fiktiven Unterwelt lasse ich ihn durch die Hauptstraße irgendeines schäbigen Vorortes gehen, der zu einer der mittel- oder süditalienischen Großstädte, am ehesten wohl Rom, gehören könnte. In diese Hauptstraße münden Nebenstraßen, die sich dem Held als Visionen darbieten, so wie die Höllenkreise und Höllenpfuhle der "Göttlichen Komödie". Gleich am Anfang der Hauptstraße erscheint die Vision einer bestimmten Lebensform, ein offizielles Leitbild, dem sich die jungen Leute, vor allem die Halbwüchsigen, rasch anpassen. Sie haben ihre alten Leitbilder verloren, die sie früher verwirklichten, indem sie sie lebten und mit denen sie gar nicht so unzufrieden waren. Heute dagegen versuchen wir, ihr Verhalten den Leitbildern anzupassen, die ihnen die herrschende Klasse unter der Hand als Vorbild

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ganzen fünfzehn Verhaltensmuster, entsprechend den zehn Höllenkreisen und fünf Höllenpfuhlen, möchte aber jetzt nur drei erwähnen, wobei ich nochmals vorausschicke, daß es sich bei meiner Unterwelt-Stadt um eine Stadt Mittel- oder Süditaliens handelt und daher alles, was ich sage, für die Menschen in Mailand, Turin oder Bologna nur bedingt gilt.