Der Vorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Siegfried Grassmann, zur Lage des Geschichtsunternichts:

"Das augenblickliche Ergebnis für die Schulen sieht so aus, daß in der Regel in den Klassenstufen 7 bis 10 zwei Wochenstunden in jedem Schuljahr Geschichte unterrichtet wurden. Ein idealtypischer Real- oder Gymnasialschüler in der Bundesrepublik Deutschland erhält damit bis zur mittleren Reife rund 256 bis 280 Stunden Geschichtsunterricht, die Mehrzahl der Hauptschüler weniger. In den Grundschulen begegnet dem Schüler – abgesehen von positiven Aus-, nahmen – im Sachunterricht meist selten Geschichte. Dagegen scheint es sich immer mehr durchzusetzen, den Geschichtsunterricht an den Schulen bereits im 6. Schuljahr, also in der Orientierungs- beziehungsweise Beobachtungsstufe, beginnen zu lassen.

In der jetzt so gut wie überall durchgeführten reformierten Oberstufe (Sekundarstufe II) der Gymnasien hat sich keine einheitliche Regelung entwickelt. Bis auf ein Bundesland (Hessen) kann aber überall Geschichte als ein Leistungsfach frei gewählt werden und ist auch als Grundkursfach und 3. beziehungsweise 4. Prüfungsfach im Abitur möglich. In der Mehrzahl der Länder ist darüber hinaus sichergestellt, daß alle Schüler, also auch die, die nicht besonders Geschichte wählen, im Rahmen ihres Oberstufenunterrichts sich mit historischen Themen innerhalb des Gemeinschaftskundeunterrichts beschäftigen müssen. Wir sollten uns unbedingt um eine quantitative und qualitative Verbesserung des Geschichtsunterrichts für Haupt- und Gesamtschulen bemühen...

Die Gesamtschulen weisen in der Regel keinen eigenständigen Geschichtsunterricht aus, sondern wollen Geschichte im Rahmen des Faches ,Politik‘ mitbehandeln. Bislang hat es sich allerdings immer erwiesen, daß beim Zusammenlegen mehrerer Fächer zu einem Sammelfach ‚Politik‘ oder ‚Gesellschaftslehre‘ ein Verlust an geschichtlichen Lernzielen und Lerninhalten eingetreten ist. Warum die Gesamtschulen, die doch Schulen der Zukunft sein wollen, diese Zukunft nur zu erreichen glauben, wenn sie den Unterricht an Gegenständen der Vergangenheit vernachlässigen, ist nicht einzusehen.

Unverständlich muß dem unvoreingenommenen Betrachter der bundesdeutschen Schulszene erscheinen, daß man das Spektrum der Spezialisierungen in der gymnasialen Oberstufe erheblich erweitert hat, Fächer mit langer Abiturerfahrung aus traditionellen Bildungsbereichen aber diskriminierte. Zwar darf ein Oberstufenschüler heute zum Beispiel in Biologie und Spanisch, in Chemie und Französisch Leistungskurse bis zum Abitur belegen – Geschichte und Deutsch zu wählen, ist ihm dagegen verboten. Man kann nur vermuten, welche Gesichtspunkte dafür verantwortlich waren, daß der Kreis des ersten Leistungsfaches auf Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen begrenzt wird: Im Zeitalter des Numerus clausus überwog der Glaube an meßbare, zählbare und abhörbare Ergebnisse, nur Geschichte – wie auch Deutsch – kam nicht in diesen Kreis der Leistungsfächer: Bildung und Bewußtsein erscheinen den Verantwortlichen nicht leistungsgemäß. Die Ausformung eines geistigen Bewußtseins artikuliert in der Muttersprache, das paßte nicht in computergesteuerte Meßlandschaften von Leistungskursen. Oder sollte hier noch tieferes Mißtrauen gegen Geisteswissenschaften im Spiel gewesen sein?

Es scheint mir jedenfalls an der Zeit zu sein, dieses Stück Kulturrevolution im deutschen Bildungswesen ganz schnell zu revidieren: Geschichte – und meiner Meinung nach auch Deutsch – müssen unbedingt wieder auch als erstes Prüfungsfach im Abitur zugelassen werden."