Verehrte Fürstin, im Fernsehen konnte ich kürzlich das Auf und Ab im Leben der Dido miterleben. Zu der Zeit, als Eure Hoheit mit Odysseus, dem König des steinigen Ithaka, vermählt war, regierte sie in Karthago. Ihre menschlich ergreifende Geschichte hat den heiligen Augustinus, der ganz in der Nähe von Karthago Bischof war, als Kind zu Tränen gerührt. Und auch wir haben nicht ohne Ergriffenheit ihr Leben mitverfolgt.

Die arme Dido! Sie schwor Treue bei der Asche von Sychäus, versuchte zunächst mit aller Mühe die sich in ihr aufbäumende Zuneigung zu Äneas zu leugnen, gab sich aber schließlich doch vertrauensvoll der Liebe hin.

Dann die Tragödie: Die Liebende ahnte, daß Äneas sich anschickt, von Karthago abzureisen. Ohne Erfolg beschwört sie den geliebten Helden zu bleiben, wirft ihm Undank und Verrat vor:

Äneas reist ab. Die Verlassene kann den Schmerz nicht überwinden; die Flammen des Scheiterhaufens, auf dem sie sich verbrennen läßt, werden sogar noch von trojanischen Schiffen, die Italien ansteuern, gesehen.

Glücklicher und beispielhafter war das Leben Eurer Hoheit. Der scharfsinnige Odysseus mit seinen ungezählten Einfällen brachte Euch in seinen königlichen Palast, nachdem er das Ehebett auf einem kräftigen Ölbaum befestigt hatte, der in den Bau Eures Hauses miteinbezogen war. Von Odysseus habt Ihr Telemach, einen prächtigen Sohn.

Odysseus mußte zwar sehr bald in den langen Trojanischen Krieg ziehen, und als dieser (vor allem dank des berühmten von ihm gebauten Pferdes) zu Ende ging, irrte er viele Jahre auf den Weltmeeren umher. Doch trotz abenteuerlicher Zwischenfälle gelang es ihm, auf sein Ithaka und zu Eurer Liebe zurückzukehren, die in der Zwischenzeit behütet und unversehrt geblieben war. Die lästigen Thronbewerber und die Freier, die in Eurem Haus saßen und übermütig auf Eure Kosten schmausten, stachelten Euch zwar an, unter ihnen einen neuen Ehemann auszuwählen, doch Ihr seid hart geblieben. Sie hausten in den unteren Gemächern, während Ihr zusammen mit Euren Mägden im Obergeschoß tagsüber Euer so berühmtes Gewebe gesponnen habt, das Ihr dann nachts wieder auftrenntet, um sie hinzuhalten und die Treue Eurer Liebe zu verteidigen.

Das Herz und die Träume sagten Euch, daß der Gatte wieder zurückkäme. Wer hätte auch so mutig sein sollen, um das Kissen zu beanspruchen, auf dem Odysseus schlief, oder die Tasse, aus der er trank, oder wer hätte seinem bereits herangewachsenen Sohn befehlen können, wer hätte es wagen können, sein Pferd zu besteigen oder seinen Hund zu rufen?