Das kam gleich neben und nach dem Kritzeln mit dem ewig anzuspitzendem Bleistift und dem Drücken des Ölkreidestifts bis er auf dem Papier zerbröckelte: das Hantieren mit Schere und Papier, wobei die erlaubte stumpfe Bastelschere ein ziemlich grobes Instrument war, mit dem man allenfalls Kreise und Vierecke aus, dem gefalteten und später zum Deckchen entfalteten Buntpapier herausholen konnte; zu den unerlaubten, weil gefährlichen Höhen komplizierter Gestaltung kam man nur mit der Nagel- oder Stickschere. Und wem diese eigene Erinnerung zu banal ist, der kann bei Runge nachlesen, wie ihm die Schere, mit der er seit frühester Jugend alles vom Porträt über Lichter-Manschetten bis zu ganzen Fabeln ausgeschnitten hatte, "weiter nichts als eine Verlängerung" der Finger war. Also: das natürlichste Gestaltungsinstrument

Es ist schon verwunderlich, daß wir erst jetzt eine "Geschichte des Ausschneidens in Europa" (von 1500 bis heute) in der Hand halten, aber vielleicht haben wir auch erst jetzt, nachdem alle Hoch- und Weitspringer und Scharlatane der Kunst, alle Techniken und Obsessionen hinreichend abgefrühstückt sind, ein angemessenes Verständnis für ein Thema wie dieses, Zeit und Geduld für das wunderschöne Buch: Sigrid Metken: "Geschnittenes Papier", Callwey Verlag, München, 1978; 305 S. mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabb.,-89,–DM. Der Band beginnt mit einer Palla (Meßkelchbedeckung) aus dem 15. Jahrhundert, er endet mit einer ausgeschnittenen Papierpuppe, die Picasso 1940 für seine Tochter Maya machte. Dazwischen liegt ein Auf und Ab von Mode und Manie, von Kunstfertigkeit und Gesellschaftsspiel, die im Frankreich des 18. und im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts ihre Höhepunkte hatten. Der Schattenriß (präzise in Kontur, aber anonym in der Binnengestaltung) befriedigte dabei das Erinnerungs- und Fixierbedürfnis wie heute das Photo; die Ausschneide-Puppen und Papier-Theater dann und die Popularisierung des Themas durch die Bilderbogenfabrikanten von Epinal und Neuruppin Sehnsüchte, die vielleicht der Film erst erfüllt hat. "Wenn das so weiter geht, werden sie noch Raffael in Stücke zerlegen", berichtet eine gewisse Mademoiselle Aïssé 1727 aus Paris, wozu dieser Zeit offensichtlich nichts vor der Schere sicher war. Aber es gibt auch Zerstörungen, die die Menschen dann doch unterlassen. Und es gibt immer wieder Künstler, die sich an die Schere als Gestaltungsmittel erinnert haben: Max Ernst, der das Mysterium des Zufalls und die Sinnlichkeit der Realität in seinen Collage-Romanen zusammenzwang; Henri Matisse, der buntes Papier mit der Schere formte, als seine Kräfte die Arbeit mit dem Pinsel an der Leinwand nicht mehr erlaubten. Aber damit soll die "Geschichte des Ausschneidens" nicht zu einer Kunstgeschichte pervertiert werden. Sigrid Metken ist etwas viel besseres gelungen: eine Kulturgeschichte auf dem Umweg über eine Kuriosität; ein Buch zum Lesen und/oder Anschauen, ein Buch sowohl für kleine wie auch große Menschen. Petra Kipphoff