Der zerstrittenen, gelähmten Partei bietet sich ein neuer Vorsitzender an

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Oktober

Es ist unmöglich, diesen Mann nicht sympathisch zu finden. Michel Rocard strahlt trotz seiner 48 Jahre den ungetrübten Charme eines Schuljungen aus. Erscheint sein Konterfei auf dem Bildschirm, schlagen Frauenherzen höher. Selbst politische Gegner preisen seine Intelligenz; er verabscheut Phrasen, bevorzugt statt dessen geschliffene, aber verständliche Rhetorik. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, meidet aber billige Polemik. Er ist eine Kämpfernatur, stellt aber niemandem hinterrücks ein Bein. Sein Auftreten hat nichts vom wichtigtuerischen Gehabe vieler französischer Politiker, dennoch weiß Rocard genau, was er will. Zum Beispiel will er 1981 Präsident der Französischen Republik werden.

Michel Rocard ist seit ein paar Jahren einer der Tenöre der stimmlich etwas dumpfen französischen Sozialisten. Sogar Parteichef François Mitterrand hat ihn als einen seiner möglichen Nachfolger bezeichnet. Doch der Kampf um die Führung der Sozialistischen Partei (und damit zwangsläufig um die Kandidatur für das höchste Amt im Staate) ist etwas unvermittelt entbrannt. Seit ihrer Niederlage bei den Parlamentswahlen im März wächst in der Partei Mitterands die Verunsicherung. Auch Erfolge bei mehreren Nachwahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß es gegenwärtig weder ein sozialistisches Parteiprogramm noch eine Strategie für den Zugang zur Macht gibt. Die Partei hat wieder einmal Gefallen daran gefunden, sich in sinnlosen Positionskämpfen aufzureiben.

Bisher war François Mitterand der Garant dafür, daß seine Partei nicht in ihre zahlreichen Flügel und Fraktionen zerfiel. Seine Person war der gemeinsame Nenner der französischen Sozialisten. Er stand über den kleinlichen Streitereien im eigenen Haus und pflegte das Bild vom Staatsmann, den politische Alltagsfragen nicht verwirren. Doch die Niederlage gegen Valéry Giscard d’Estaing im Frühjahr (nach dem Mißerfolg bei den Präsidentschaftswahlen 1974) hat seine Autorität untergraben. Selbst seine Freunde sagen heute laut, daß auf Mitterands Konto zu viele Niederlagen stehen, um ihm in drei Jahren, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, auch nur den Hauch einer Chance gegen Giscard zu lassen.

Dogma statt Programm