Kurz bevor es qualmte, war Theodor Eschenburg in der Telephonleitung zwischen Tübingen und Bremen. Wir besprachen Staatsrechtliches. Vor dem Adieu erwähnte ich das bevorstehende amüsante Wochenende, die Europameisterschaft im Pfeifenrauchen, Der Baß des Professors sank ins Bodenlose: "Amüsant? Ob nein, nicht amüsant. Sie werden sehen, da regiert tiefer Ernst ohne jede spielerische Attitüde." Er sprach aus Erfahrung. Er hat früher einmal, bei’einer ähnlichen Veranstaltung mitgeraucht.

322 Pfeifenraucher aus elf europäischen Ländern, 27 Damen darunter, zum erstenmal eine polnische Mannschaft dabei und zwei Japaner außer Konkurrenz füllten, zusammen mit Angehörigen und Pfeifenfans auf der Empore, den großen Glockensaal in Bremen. Perfekte Organisatoren der sechsten Europameisterschaft: Die Bremer Pfeifenrunde, ein Verein mit 75 fröhlichen Zeitgenossen beiderlei Geschlechts. "Wir sind", erklärt die freundliche Sekretärin Brigitta Bokelmann, "ein ganz tolles Team." Meyer heißen ‚beide Vorsitzende, Rolf der erste, Peter der zweite. Pfeifenraucherin Bokelmann ("eine Zigarette habe ich noch nie geraucht") hat während der Europameisterschaft keine Zeit für ein eigenes Pfeifchen.

Die Wettkämpfer sitzen an langen Tischen, jeweils zehn. Am Tischkopf paßt ein Schiedsrichter auf. Anfangs ist die Luft im Saal noch gut. Auf der Bühne singt der Männerchor "Frischauf" aus dem Bremer Stadtteil Findorff: "Es war eine Schnupftabakdose, die hatte Friedrich der Große." Dann Begrüßungen in vielen Sprachen und Erklärung der international festgelegten Regeln. Die sind streng. Die Bruyere-Pfeife, vom Veranstalter gestellt, muß innerhalb von fünf Minuten mittels eines hölzernen Geräts fertig gestopft sein. Danach ist die Pfeife innerhalb von 60 Sekunden anzuzünden, zwei Streichhölzer und nicht eines mehr, stehen zur Verfügung.

Sie stopfen. Stille ringsum. "Jetzt", flüstert ein Kenner neben mir, "entscheidet sich schon alles." Wieso? "Sehen Sie den, der krümelt die drei Gramm zuerst zwischen den Händen.’ Und der da, der macht es mit geschlossenen Augen, der betet dabei." Danach Anzünden auf Glockenzeichen. 322 Streichhölzer flammen auf. Das Publikum auf der Empore macht "Ah!" wie in der Arena von Verona, Nun qualmen sie, je langsamer desto besser. Wer am längsten kann, ist Sieger. Die Luft wird neblig.

Alle Scheinwerfer sind auf den Champ von 1977, Viris Vecchi aus Italien gerichtet. Vor einem Jahr schaffte er in Montreux Sensationelles. Drei Stunden, 50 Minuten und 50 Sekunden dampften seine drei Gramm Tabak. Viris habe getrickst, argwöhnten die Konkurrenten. Diesmal schauten dem netten Jungen im gelben Pulli alle auf Pfeife und Finger. Viris aus Modena raucht anders als die anderen, er nimmt die Pfeife nur für eine Sekunde in den Mund, Rauch ist nicht zu sehen, genüßlich wie bei vielen anderen wirkt das nicht, Viris ist Profi, er raucht nicht zum Spaß, nur für Europa- und Weltmeisterschaften. Er wird auch in Bremen Sieger, aber weit unter seiner Montreux-Form. Zwei Stunden, 17 Minuten und 15 Sekunden schafft er diesmal. Der weibliche Europameister, die Schweizerin Christina Maurer, ist mit einer Stunde, 17 Minuten und 15 Sekunden die langsamste und damit Siegerin.

Alle wirken sehr friedlich, auch die Bremer Pfeifenmacher Joura und Kittner, die vor dem Saal ihre Fingerfertigkeit im Umgang mit hartem Holz zeigen und sich von ihren Fans willig ausfragen lassen. Eine echte Kittnerpfeife (Wert 1000 Mark) ist der Siegerpreis. Franz aus Wallis will sich ausschütten vor Lachen. Er hat als erster in der neunten Minute aufgeben müssen. Ihm gelang ein totaler Streichholzbruch. beide Hölzer zerbrachen ihm zwischen den Fingern. Er bekommt einen Riesensack mit Tausenden von Streichhölzern als Trostpreis. Das freut ihn. Uns auch.

Lilo Weinsheimer