Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, ohne Ziel zu leben, und das ist nicht so einfach, wie man glaubt.

Der Philosoph und Schriftsteller E. M. Cioran in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung", 8. Oktober 1978

Wut, Liebe, Einsamkeit: Jacques Brel

Vor ein paar Jahren hatte er alles so satt, die Publicity, das eitle, brutale Show-Business, die Übel der Welt, auch die berechnende Anteilnahme an seiner offensichtlich quälenden Krankheit, die er als eine nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Privatangelegenheit betrachtete, und floh aus Europa. Nun erlag er dieser Krankheit: Sonntagnacht ist Jacques Brei in Paris gestorben. Der 49jährige war einer der packendsten Chansoninterpreten und -autoren der Gegenwart, fähig zu großen, oft melancholischen Gefühlen wie zu beißend-kritischen Attacken. Themen seiner wenigstens fünfhundert Chansons, mit denen der in Brüssel geborene, zuerst in der Kartonagenfabrik des Vaters angestellte, dann seiner Familie und dem bürgerlichen Leben entwichene Sozialist "den Leuten die Fenster einschmeißen" wollte, waren Wut und Liebe, Freundschaft, Einsamkeit, Bigotterie und Armut; er sang von verfetteten Bürgern und heuchlerischen Katholiken und der verschlafenen Intelligenz, von seinem flandrischen Heimatland und der politischen Provinzialität seiner flandrischen Landsleute, bekannte seine Abscheu vor der Gewalt und gedachte vergangener Lieben. Seine letzte Platte, deretwegen er 1977 sein Südsee-Refugium verlassen hatte, trägt als Titel seinen Namen: "Brei".

Buch des Monats

Pannen haben auch ihr Gutes: So kommt es, daß wir jetzt zum drittenmal von Alexander Block (1880–1921), dem bedeutendsten Lyriker des Rußland vor der Revolution, sprechen – und den Mann, sein Werk und die erste Werkausgabe in der Bundesrepublik vielleicht bekannt machen helfen. Die Jury "Buch des Monats" hat die im Hanser Verlag, erschienene Ausgabe der "Ausgewählten Werke" in drei Bänden bereits im August gewählt. Durch ein Versehen, für das sich die Redaktion entschuldigt, wurde Block noch einmal, als "Buch des Monats" Oktober, gemeldet. Da war aber ein deutscher Dichter dran, auch aus dem Hanser Verlag, auch ein Poet sozialistischer Humanität, der die Widersprüche von Ideal und Wirklichkeit im Leben zu spüren bekam, der aus der DDR abgeschobene Lyriker Bernd Jentzsch mit seinem ersten in der Bundesrepublik erschienenen Gedichtband "Quartiermachen". Ob August, ob Oktober: dies sind Bücher nicht nur für Monate, sondern für sehr viel länger. Und von der Block-Ausgabe (Auflage: zweitausend) sind im "Land der Dichter und Denker" bis jetzt ganze 717 Exemplare verkauft.

Hugo Kuhn

Wenn Hugo Kuhn in der Vorlesung Heinrich von Morungens "Tagelied" las und interpretierte, dann war auf einmal, über sieben Jahrhunderte und die Distanz des Mittelhochdeutschen hinweg, Sprache in ihren äußersten Möglichkeiten der-Beschwörung und Zerstörung deutlich; wenn Hugo Kuhn im Seminar die Diskussion über Walther von der Vogelweide in Gang setzte, dann wurde, hohe oder niedere Minne hin oder her, daraus ein Gespräch zwischen Kriminalistik und Kultur, an dessen Ende die Studenten sich den größten, verdrossensten Polit-Poeten der deutschen Literatur entdeckt hatten; und wenn Hugo Kuhn mit sichtbarem Vergnügen den Spuren von Hartmann von Aue in Thomas Manns Novelle "Der Erwählte", den Parallelitäten und Perversionen nachging, dann merkte man, was die Wissenschaft dieses Mannes zusammenhielt: die Lust an der Sprache. Hugo Kuhn, der fast 25 Jahre lang deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität München lehrte und am 5. Oktober im Alter von 69 Jahren starb, hat keine üppige Gesamtschau der Literatur hinterlassen, sondern nur zwei Bände mit seinen wissenschaftlichen Aufsätzen ("Dichtung und Welt im Mittelalter, 1959 und "Text und Theorie", 1969). Aber er hinterläßt Menschen, die in der Begegnung und der Arbeit mit ihm entdeckt haben, daß Literatur Leben ist und nicht Theorie.