Von Heinz Michaels

Die Unterschrift unter den "Plan S 1" gehört für Siegfried Ehlers zu den bittersten Augenblicken in seinem Leben und seiner beruflichen Laufbahn. Zwar hatte der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats Anfang 1975 beim Volkswagenwerk viel herausgeholt für seine Kollegen – das Unternehmen zahlte 175 Millionen Mark für Abfindungen –, doch er hatte nicht verhindern können, daß 23 000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz bei VW verloren. Geld ersetzt nun einmal nicht den Arbeitsplatz.

Für Siegfried Ehlers und seine Kollegen in den VW-Betriebsräten war der Personalabbau ein Schock. Die Folge war, daß sie mit dem Vorstand eine "Personalpolitik der mittleren Linie" aushandelten, die darauf abzielt, eine ähnliche Krisensituation in der Zukunft zu verhindern. Der Grundgedanke dieses Plans: Produktion und Personalstärke sollen über einen langen Zeitraum hinweg aufeinander abgestimmt, hektische Ausschläge vermieden werden. Das bedeutet: VW kann nicht immer so viele Autos liefern, wie im Augenblick vielleicht gerade verlangt werden; Lieferzeiten werden in Kauf genommen.

Herbert Lucy, Ehlers’ Kollege bei Daimler-Benz, hatte derartige Sorgen bisher nicht. Doch als am 29. September bei den Betriebsratswahlen im Werk Untertürkheim – sie mußten wiederholt werden, weil es im Frühjahr eine Wahlmanipulation zugunsten der IG Metall gegeben hatte – die Stimmen ausgezählt wurden, mußte Lucy feststellen, daß dort eine starke Oppositionsgruppe gegen die IG Metall in den Betriebsrat gewählt worden war (siehe nächste Seite). Und nun besteht die Gefahr, daß eine Spaltung im Betriebsrat die Interessenvertretung der Arbeitnehmer weniger effektiv macht.

Zwei Seiten einer Medaille: Siegfried Ehlers, wie jeder Betriebsratsvorsitzende eingebunden in die Verantwortung für das Unternehmen, hat die schwerste unternehmerische Entscheidung mitgetragen, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik getroffen werden mußte; Herbert Lucy muß mit einem Mißtrauensvotum der Untertürkheimer Daimler-Arbeiter gegen den alten Betriebsrat und die Gewerkschaft fertig werden, das heißt, er muß jetzt das Verhältnis zwischen den Arbeitnehmern und ihren gewählten Vertretern wieder in Ordnung bringen.

Verantwortung für das Unternehmen und Verantwortung für die Mitarbeiter – mit diesem janusköpfigen Auftrag müssen Tausende von Betriebsratsvorsitzenden in der Bundesrepublik leben. In allen Betrieben mit mehr als 300 Arbeitnehmern ist die Lösung dieser Aufgabe – sie gleicht oft der Quadratur des Zirkels – sogar ihr Hauptberuf, denn dort werden sie von Gesetzes wegen von sonstiger Arbeit freigestellt.

Auch ihre Aufgaben sind im Betriebsverfassungsgesetz festgelegt, das zuletzt 1972 neu gefaßt wurde. Es ist – neben den Mitbestimmungsgesetzen – das Ergebnis eines über hundertjährigen Kampfes der Arbeiterbewegung um Wirtschaftsdemokratie und eine wirksame Vertretung der Arbeitnehmer.