Von Klaus Viedebantt

Lässig lag die Hand des Grenzschutzbeamten auf dem Pistolenhalfter, wohl eher zufällig als absichtlich. Auch sein Kollege, der einige Schritte weiter gelangweilt im Fahndungsbuch blätterte, ließ keine Anzeichen besonderer Wachsamkeit erkennen. Ein großer Fisch war er wohl nicht, der junge Mann, den sie zum Mitkommen aufgefordert hatten. Geduldig warteten die beiden, bis der Verdächtige in seinem Abteil den Koffer gepackt hatte.

Wir lugten neugierig aus unserer kleinen Küche in den Gang hinaus, fast ein wenig enttäuscht, daß die Festnahme so undramatisch verlief. Auf einer langen Nachtfahrt ist man empfänglich für Abwechslungen. Aber unsere schlafenden Gäste werden über die geräuschlose Abwicklung des Falls dankbar gewesen sein. Dem jungen Mann, der nun in Freiburg seine Fahrt vorzeitig unterbrechen mußte, war zum Nachteil: geworden, was Schlafwagen-Fahrgäste ansonsten als Vorteil schätzen: von Kontrollen unbehelligt die Grenzen passieren zu können.

Deshalb sammelten wir am Abend schon die Fahrscheine und die Pässe unserer Gäste ein und präsentierten sie den Grenzwächtern gleich im Bündel. In Ruhe konnten sie alle Papiere kontrollieren. Dem jungen Schweizer wurde das zum Verhängnis: "Den sehen wir uns etwas näher an!" Er war, wie wir später erfuhren, irgendwo die Alimente schuldig geblieben.

"Die haben einen guten Riecher, die Zollbeamten übrigens auch", kommentierte Wilfried Schulz die Festnahme. Der Oberschaffner muß es wissen, schließlich ist er seit knapp dreißig Jahren für die Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft (DSG) auf Achse. Für zwei Nächte und die Strecke Hamburg–Zürich–Hamburg waren wir Kollegen: Ich erlernte ein mühseliges Handwerk.

Um 18 Uhr trafen wir uns im Betriebsbahnhof Langenfelde, wo die Hamburger DSG-Direktion ihre Wagen einsetzt. Für den D 471 wurden wir eingeteilt, den "Komet", einen reinen Schlaf- und Liegewagenzug mit Autobeförderung. Abfahrt 21.39 Uhr in Hamburg-Altona. Wir waren lange vor der Zeit da, teilweise unbezahlte, aber notwendige Stunden. Nachdem wir in der "Betriebsüberwachung" unsere Unterlagen und Wagenschlüssel erhalten hatten, zogen wir los. Weit draußen im Rangierfeld wartete unser Zug, angeschlossen an ein Stromkabel, um Klimaanlage und Eisschrank schön vor Fahrtbeginn in Gang zu setzen. Jetzt galt es, die Ärmel hochzukrempeln. Schulz schonte seine Uniform, wie viele seiner Kollegen werkelte er bis zur Abfahrt zum Startbahnhof in kurzer Hose und Unterhemd: "Wer will schon in verschwitzten Klamotten vor die Gäste treten?"

Die Turnerkluft erwies sich als sinnvoll, denn wir mußten in unserer engen Kombüse fast affengleich herumklettern, um die Bestände an Lebensmitteln und Getränken zu kontrollieren. Im Gang stapelten sich die Pakete mit den Nachbestellungen unseres Vorgängers, vorgepickte Frühstückstabletts, Bier und Säfte, Kaffeeportionen. Ab jetzt ging alles auf unsere Rechnung, nachdem wir die Lieferliste abgezeichnet hatten. Verluste hätten wir aus eigener Tasche begleichen müssen. Das Kücheninventar prüften wir weniger akkurat. Was an Bestecken und Geschirr verschwindet, wird pauschal berechnet und als Umlage allen Schlafwagenschaffnern aufgebrummt.