Ein Sozialarbeiter legt mir zornig eine Akte auf den Tisch. Der gute Mann kann mit seinem Zorn nicht in die Öffentlichkeit gehen, weil der Amtsweg dazwischen liegt. So muß das Geschehen also anonym beschrieben werden:

In einer Vorklasse fällt der Lehrerin das Verhalten des kleinen Heinrich auf ("uneinfühlbare Aggressivität"). Die Mutter besucht deshalb eine Beratungsstelle. Der Junge hat sich stets gegen mütterliche Zärtlichkeit gesträubt. Der Gutachter sieht es so: Heinrich habe immer zwischen seiner Mutter und einer Tante gestanden, die die eigentlich erziehende Mutter darstelle, die "Gewährende". Klein Heinrich, fünf Jahre ist er alt, wird psychologisch-kinderpsychiatrisch untersucht. Sieben Untersuchungen sind das: Die freie Verhaltensbeobachtung, der Kinderapperzeptionstest, der Hamburger Wechsler-Intelligenztest für Kinder, der Göttinger Formreproduktionstest, das "Zeichne-einen-Mensch"-Verfahren, das Sätzeergänzen, Teile der Dyss-Fabeln. Die Verfahren sollen nicht erklärt werden, aber man sieht, wie gründlich die Gutachter ans Begutachten gingen.

Bei den schulspezifischen Untertests, die eine "hohe Face Validity" haben, zeigt sich: Der. Junge liegt intelligenzmäßig erheblich unter dem Durchschnitt. Hoch "wissenschaftlich" heißt es: "Gemäß der Definition von Leistung als Quotient von geleisteter Arbeit geteilt durch verbrauchte Zeit, ist Heinrichs Leistungsfähigkeit, soweit es um das intelligente Sichverhalten geht, eingeschränkt dadurch, daß er zuviel Zeit braucht (= zeitdruckempfindlich), um wirklich leistungsfähig zu sein." Der Sachverhalt ließe sich sicher ganz einfach und schlicht beschreiben, dann genügte er aber vielleicht der Wissenschaftlichkeit eines Gutachtens nicht mehr (= gutachtenempfindliches Deutsch).

Der Kinderapperzeptionstest kommt Klein Heinrich langsam auf die Schliche: Die letzte psychisch bewältigte Stufe sei die Achtmonatsangst. Er habe Überwältigungsängste vor Fremden, "wobei diese Ängste – übrigens sehr schlecht abgewehrt – als Ängste vor Gefressenwerden sich verdeutlichen und thematisieren".

Daß das Knäblein vor der geballten, weißbekittelten Analysierschar Überwältigungsängsie packen können, stehe dahin. Die Begutachter sind nämlich inzwischen in den Analbereich vorgestoßen: "Was ihm relativ konflikthaft, aber doch gerade noch bewältigbar erscheint, ist der Anteil des Behaltenkönnens, der aus der analen Stufe stammt. Störungsmomente in der Analität sind allerdings schon darin zu sehen, daß er deutliche Schwierigkeiten hat herzugeben, und wenn es nur Antworten im Test sind."

Die Analität muß – nach dem Gutachten – dem Knäblein allerdings "aus der Nase" gezogen werden. Klein Heinrich habe sich zu "jedweder Äußerung" erst nach "unendlich langer Zeit gnädig" herbeigelassen. Den Gutachter übermannt eine Vision: "In der Testsituation sieht der Untersuchungsleiter plötzlich vor seinem inneren Auge ein Kleinkind, das seine Macht entdeckt hat, seiner Mutter den Stuhl" (gemeint ist nicht die Sitzgelegenheit, sondern der Stuhlgang) "nicht herzugeben, indem er ellenlang (!) auf dem Topf sitzt und drückt." Soweit die Äußerung des kinderpsychiatrischen Sehers.

Fazit: "In der Affektbelastung ist auch zu sehen, daß dieser Affekt nicht verbalisiert werden kann, sondern in das System der quergestreiften Muskulatur schießt und er dann gezwungen ist, an sich herumzuknibbeln..., was sich in mancher Situation, zumal der Leistungssituation, bis zur handfesten Onanie steigert."