Photographen waren in der Vergangenheit und sind heute noch ebenso: Reisende. Den Daheimgebliebenen vermitteln ihre Bilder Farben, Formen und, wenn gut, Einstimmungen in fremde Gegebenheiten. Zur Vermittlung gehört auch die Möglichkeit der großen Verbreitung über Zeitschriften und Bücher, eine Tatsache, die nicht immer gültig war. Denn gerade die frühen Photographien wurden zwar herumgereicht unter denen, die sich solch große Geldausgabe leisten konnten, aber gedruckt wurden die Bilder kaum. Aus einem einfachen Grund: Die Autotypie war noch nicht erfunden. Erst die jüngste Photo-Bücher-Welle spült da manches an alten Bildern wieder, hoch. Vieles davon kann nur mit fast ungläubigem Staunen betrachtet werden: Das gab es alles schon, so früh? Diese Gedanken kommen ungerufen beim Betrachten eines neuen Bildbuches von Schirmer/Mosel: "Rom in frühen Photographien, 1846 bis 1878" (234 S., 32,– DM). Ist man doch gewohnt, jene Zeit mehr unter dem Blickwinkel von Goethe und Gregorovius zu betrachten, Bilder zu erzeugen vor dem inneren Auge, die durch die Schilderungen der damaligen (noch zu Recht mit Reise-Literatur bezeichneten) Reise-Führer entstanden. Das Verblüffende: Es gibt also Photographien zu Gregorovius’ Tagebuchnotizen aus Rom. Das Amüsante: Jeder kann jetzt seine eigenen Phantasiebilder prüfen an Hand der Photo-Dokumente. Für Bildungshungrige war Rom ja Pflichtfach in Form von Bildungsreisen, mit Kutsche und Pferd, so beschwerlich das auch sein mochte. Daß die Andenkenhersteller davon profitierten, ist leicht zu denken: Maler und Kupferstecher versahen die Besucher mit idealisierten Veduten. Die Erfindung der Photographie zwang die bisherigen Bildproduzenten weitgehend zu Umstellung: Wer von ihnen in der Lage war, die schwierigen Aufnahmebedingungen zu meistern, der photographierte von da an. Dänen und Deutsche, Engländer, Franzosen und Italiener waren darunter, aus ihren Bildern in dänischen und italienischen Sammlungen ist das Bildbuch zusammengestellt, versehen mit klugen Texten zur Sache und zu den Bildern. Wer gern in Rom war – er wird dieses Buch lieben. Norbert Denkel