Von Fritz J. Raddatz

W Wie fassen wir seine Gestalt? Zunächst, indem wir uns frei machen vom Wust emsiger Forscherarbeit, die sie uns verstellt" – so begann Jean Améry seine Lessing-Rede im Frühjahr dieses Jahres zur Eröffnung des Wolfenbüttler Lessing-Hauses, und dieser Satz könnte als aufgegebenes Motiv einer kunstvollen Variation stehen über seinem Buch –

Jean Améry: "Charles Bovary, Landarzt – Porträt eines einfachen Mannes", Klett-Cotta, Stuttgart, 1978; 162 S., 22,– DM.

Es ist eine in ihrer Grazie, intellektuellen Verspieltheit und freundlichen Hartnäckigkeit eher altmodische Denkübung, keineswegs erinnernd an Amérys großes Vorbild Sartre, sondern eher an die poetologischen Anschleichungen Thomas Manns; der hat ja immer sich selber gespiegelt im Kabinett seiner Literaturbetrachtungen.

In diesem Sinne ist Amérys Buch ein kühnes Experiment; denn Améry konfrontiert sich sowohl mit dem Autor der "Madame Bovary", dessen fehlende Figur, nämlich den Monsieur Bovary, er gleichsam fortschreibt, als auch, natürlich, mit Sartres roman vrai: "Sartres Flaubert ist der Sartre-Flaubert. An jenem anderen nun, nach selbstentworfenem Wanderplan seinen eigenen Flaubert-Flaubert zu entdecken. – Ein solcher, was immer sein Bild wert sei, steht hier vor uns. Er ist, so wurde es schon angedeutet, ein Gezeichneter." Dazu gehört eine fast weise Souveränität, und dieses Element des Spielerischen, der Überlegung, wie könnte es sein, wie sollte es sein, prägt das Buch. In seiner Struktur schließt es durchaus an Amêrys anderen Essay-Roman "Lefeu oder der Abbruch" an, ein Genre, das die deutsche Literatur nur selten zur Verfügung hat und das daher hierzulande leicht auf Unverständnis, zumindest Mißverständnis stößt. Dabei bietet es eine amüsante Lektüre, ein geistiges Billard der Anstöße und möglichen Läufe, ein Vergnügen, das zu bedenken gibt, ob Leben-Literatur nicht auch anders hätte verlaufen können.

Das nimmt man nur einem ab, dessen profunde Bildung und intime Detailkenntnis der Literatur erst einmal überzeugt. Auf diesem Plafond bewegt Améry sich mit großer Sicherheit und kann es sich mühelos leisten, eine große Paraphrase über Liebe trotz Eifersucht, Liebe gegen Eifersucht zu entwickeln. Dieser Landarzt Bovary gerät in Amérys Griffelkunst nun zu etwas ganz anderem als dem lächerlichen Hahnrei, wird schließlich zum eigentlichen, möglichen Helden: einer, der versteht, einer, der verzeiht, einer, der sein Leben lang dienen konnte seiner großen Liebe.

Améry führt damit, quasi ein Œuvre postum schreibend, ein Gran Zärtlichkeit ein in ein Buch, dessen kühle Immoralität sprichwörtlich ist und dessen Autor Améry auch als Gegenbild durchaus erkennt und fixiert: "Der Gefahr ‚guter‘ Gefühle, will sagen: melioristischer Biederkeit, wie wir sie bei bürgerlichen Autoren à la Romain Rolland und bei proletarischen des Typs Martin Andersen Nexö oder Gorki finden, unterliegt Gustave Flaubert nicht: aus dem einfachen Grunde, daß er sie nicht hat. Er verachtet den Menschen, wiewohl nicht unbedingt die Menschen, denn als Sohn ist er zärtlich und gehorsam, als Freund treu, als Staatsbürger loyal, welch letztgenannte Eigenschaft ihn freilich im Bereiche des Humanen suspekt macht. Der Haß gegen seine Klasse, für die er doch in seiner privaten Wirklichkeit einen ausgezeichneten Repräsentanten abgibt, ist vielleicht projizierter Selbsthaß. Seine Unterwürfigkeit vor der,Kunst’, dem ‚Stil‘ drückt die existentielle Situation eines aus, der eine gegebene gesellschaftliche Realität verabscheut, ohne den geringsten Versuch zu machen, sie zu überschreiten oder auch nur die Posivität, die sie enthält, zu erkennen.

Kein Mißverständnis: dem wird nicht etwa eine bukolische Sentimentalität entgegengestellt, ein Entwurf über Land reitender dörflicher Idylle und treusorgender ehelicher Liebe. Améry begreift und ergreift durchaus die Schuld der Demütigung, die Flauberts Buch auch enthält; er überzeichnet vorgegebene Strukturen in dem Sinne, in dem Maler etwa immer wieder Motive oder figürliche Konstellationen anderer Maler paraphrasierten – und man weiß, daß etwa durch die Entstellungen der Mona Lisa durchaus auch Erhellungen möglich wurden, Elemente, die unter dem Bild lagen und damit sein künstlerisches Geheimnis ausmachten. Diese hochkomplizierte Mischform aus Pastiche und Palimpsest ist Améry hier gelungen; jedenfalls immer da, wo er seiner gallischen Freude an dem Spiel der Ratio Lauf läßt.

Als Erzähler erweist sich Améry hier nicht. Im Gegenteil zeigt sich klarer als bisher, daß er sein großes Thema Senilität und Eros erzählerisch nicht bewältigt. Stärker noch als in früheren Büchern rutschen ihm Passagen einsamer Alterssexualität ins Peinliche, gar Klebrige. Kluge Berater hätten ihm solche Szenen des Hecheins ausreden sollen. So willig man ihm folgt in dem Verwirrgarten seines Figurenkabinetts und seines Angebots des literarisch Möglichen, so unwillig reagiert man auf derlei literarische Unmöglichkeit.