Die Hoffnung auf einen größeren sowjetischen Militärabzug schwindet dahin

Von Lothar Ruehl

Wien, im Oktober

Die Gesichter um den runden Tisch im Redoutensaal der Wiener Hofburg gleich neben der Spanischen Reitschule haben gewechselt, die Positionen von Ost und West haben sich in einigen Punkten leicht verändert, doch die Hindernisse auf dem langen Weg zu einem Abkommen über Truppenabbau in Mitteleuropa sind geblieben. In diesem Monat überschreiten die Wiener Truppen Verhandlungen, der am feinsten gesponnene Geduldsfaden der Entspannungspolitik in Europa, die Schwelle zum sechsten Konferenzjahr.

Die Nato-Staaten halten zwar noch immer an ihrer Forderung fest, daß Truppenreduzierungen nicht auf der Berechnungsbasis nationaler Streitkräfte, sondern nur im kollektiven Rahmen des Bündnisses festgelegt werden. Doch in irgendeiner Form wird der Westen wahrscheinlich zu einer Verständigung mit dem Warschauer Pakt über den ungefähren Umfang der einzelnen nationalen Anteile am Truppenabbau kommen müssen. Käme es zu einem Abkommen, das nach dem jetzt in Aussicht genommenen Umfang etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Truppenstärken auf beiden Seiten vorsieht, würde sich der Schwerpunkt der Sicherheit in Europa wohl verlagern: von der militärischen Verteidigung auf politische Vereinbarungen.

Die Lage der Bundesrepublik bietet dafür ein klares Beispiel: Würde die Truppenstärke der Nato-Landstreitkräfte um elf Prozent vermindert – wie es der jüngste Vorschlag des Warschauer Paktes vom 8. Juni 1978 vorsieht – und würde der bundesdeutsche Anteil daran nach dem deutschen Anteil an der Gesamtstärke der Landstreitkräfte bemessen, dann müßte das Heer von derzeit 336 000 Mann um 42 000 bis 49 000 Mann auf bis zu 287 000 Mann verringert werden.

Es geht um die Bundeswehr